Hans Gmelin – Ehrenbürgerwürde aberkennen!

12. Dezember 2017

Hans Gmelin – Ehrenbürgerwürde aberkennen!

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), Kreisvereinigung Tübingen-Mössiingen, fordert den Gemeinderat auf, den früheren Tübinger Oberbürgermeister Hans Gmelin wegen seiner Nazivergangenheit kurzfristig aus der Liste der Ehrenbürger zu streichen.

Die Gemeinderatsfraktion Tübinger Linke (TÜL) / Die Linke hat im Gemeinderat erneut beantragt, dem früheren Tübinger Oberbürgermeister Hans Gmelin wegen seiner Nazi-Vergangenheit postum die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen:

http://www.tuebinger-linke.de/aberkennung-der-ehrenbuergerwuerde-von-hans-gmelin/#more-1279

Und auch die SPD-Gemeinderatsfraktion hat sich laut TAGBLATT vor wenigen Tagen „aufgrund der jetzt vorliegenden Erkenntnisse klar für die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde“ des Ex OB ausgesprochen.

Dabei ist Nazivergangenheit Gmelins ist schon lange bekannt. Unser Kreisvorstandsmitglied Jens Rüggeberg erforschte sie seit 1998. Bereits seit Anfang der 2000-er Jahre hat die TÜL/PDS im Gemeinderat Gmelins Vergangenheit mehrfach thematisiert und die postume Aberkennung seiner Ehrenbürgerwürde gefordert:

http://tuelpds.twoday.net/stories/695817/

Seit September 2011 (!) liegt der Stadtverwaltung ein Aufsatz von Jens Rüggeberg über Gmelin vor, der für das Buch „Vom braunen Hemd zur weißen Weste“ (Tübingen 2011) verfasst worden war, dann aber nicht das Buch aufgenommen wurde:

Aufsatz von Jens Rüggeberg: Vom Nazi-Diplomaten zum Nachkriegsoberbürgermeister: Hans Gmelin und die Vergangenheit, die nicht vergeht (Download als PDF) Gmelin Aufsatz

Inzwischen hat der Historiker Niklas Krawinkel mit einem Stipendium der Stadt Tübingen eine Dissertation über Gmelin verfasst, deren Ergebnisse im Juli 2017 im Tübinger Gemeinderat vorgestellt und Teile seiner Forschungsergebnisse veröffentlicht (Krawinkel, Niklas, Rassismus und Gemeinschaftserfahrung. Biographische Einblicke in die Juden- und Volkstumspolitik in der Slowakei 1941-1945, in: Osterloh, Jörg, und Katharina Rauschenberger [Hrsg.], Der Holocaust. Neue Studien zu Tathergängen, Reaktionen und Aufarbeitungen, Frankfurt am Main 2017 [= Jahrbuch 2017 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust des Fritz Bauer Instituts], S. 121ff.). Die Dissertation selbst soll demnächst als Buch erscheinen.

Eine weitere Verzögerung der Streichung Gmelins aus der Ehrenbürgerliste ist nicht zu akzeptieren. Und nachdem der frühere Oberbürgermeister Adolf Scheef und der Philosoph Theodor Haering wegen ihrer Nazivergangenheit bereits aus der Ehrenbürgerliste gestrichen wurden, ist auch die Ehrenbürgerwürde des früheren Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger und des Politikwissenschaftlers Theodor Eschenburg zur Disposition zu stellen.

70 Jahre VVN Württemberg – Hohenzollern

30. Oktober 2017

Vor 70 Jahren wurde die VVN in Tübingen gegründet.

Wir feiern am 05.11.2017 am historischen Ort Museum Wilhelmstr.3 mit einer Martinee

VVN 70 Jahre TUE 05-11-17

Kundgebung 8.Mai 2017

8. Mai 2017

Die Waffen nieder – Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg

Redebeitrag der VVN-BdA auf der Kundgebung in Tübingen

In ganz Europa wird heute am 8.Mai, dem Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg an den Sieg der Antihitlerkoalition über Nazideutschland und das Ende des 2.Weltkriegs erinnert.

Wir gedenken heute der mehr als 60 Millionen Opfer der faschistischen Herrschaft und ihres Eroberungskriegs.
Der Faschismus ist nicht irgendwie über Deutschland gekommen – im Zusammenspiel von rechten Kräften und den alten Eliten in Militär, Staat und Wirtschaft wurde Hitler die Macht übertragen.
Deshalb rufen wir heute dazu auf: Wehret den Anfängen. Im Sinne der Überlebenden des KZ Buchenwald, die nach der Befreiung den Schwur ablegten, für die Vernichtung des Nazismus mit allen seinen Wurzeln einzutreten und alle Anfänge zu bekämpfen, müssen wir uns heute überall dort entgegen stellen, wo rechte Gewalt und rechtes Gedankengut sich breit machen.

Und das ist inzwischen täglich der Fall, ich nenne hier nur wenige Meldungen der letzten Tage:

-In Rottenburg verbreiten Nazis der Gruppe III.Weg schon seit Wochen ihre Hetze und bedrohen Antifaschistinnen und andere Demokraten. Erst vor einer Woche überfiel ein rechter Schlägertrupp einen Infostand von jungen Antifaschistinnen und Antifaschisten.
Wir lassen uns nicht einschüchtern und stehen auch bei weiteren Aktionen solidarisch an ihrer Seite.

-Die „Welt am Sonntag“ meldete gestern, dass sich die Zahl der bewaffneten Angriffe auf Flüchtlinge im letzten Jahr verdoppelt hat. 750 Schusswaffen befinden sich legal im Besitz von Rechten – nicht bekannt ist die Zahl der illegalen Waffen bei Reichsbürgern und anderen Rechten.

-Vor einigen Tagen hetzte in Reutlingen der AFD-Bundessprecher Jörg Meuthen mit alt bekanntem völkischem Vokabular gegen das sog. Diktat der politischen Korrektheit, also gegen moralisches und respektvolles Verhalten und ebenso wie die NSDAP in den 20er und 30 Jahren, gegen Kartellparteien und Medien. Gleichzeitig versuchen sich die AFD-Abgeordneten im baden-württembergischen Landtag heuchlerisch als Opfer und Biedermeier zu inszenieren, Kritik an und Proteste gegen ihre Politik werden als linksextremistisch verleumdet. Um ihre Gegner zu diffamieren greifen sie zu allen Mitteln und nutzen dabei auch die demokratischen Strukturen, die sie gleichzeitig verhöhnen. Im Stuttgarter Landtag beantragten sie vor kurzem die Überprüfung der Gemeinnützigkeit der VVN-BdA, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, in der sie zu Recht einen aktiven Gegner ihrer demagogischen Politik sehen. Wir erwarten von allen demokratischen Parteien im Landtag, dass sie diese unverschämten Angriffe der AFD entschieden zurückweisen.

Es sind aber leider nicht nur gefährliche Entwicklungen am rechten Rand, die unsere Demokratie gefährden, ihre Wirkungen reichen bis weit in die Mitte unserer Gesellschaft hinein.
Deutlich wurde dies in den letzten Tagen am Skandal um die rechten Umtriebe in der Bundeswehr. Der rechtsradikale Offizier, der sich eine falsche Identität zulegte, Waffen und scharfe Munition in noch unbekanntem Ausmaß gestohlen und Anschläge geplant hatte, ist kein Einzeltäter. Dahinter steht auch nicht nur eine einzelne Nazizelle, inzwischen wissen wir, dass in der Bundeswehr und möglicherweise darüberhinaus ein rechtsradikales Netzwerk besteht. (Auf die Verflechtungen des Verfassungsschutzes mit gewalttätigen rechten Gruppierungen wie dem NSU u.a. kann ich an dieser Stelle nicht näher eingehen.)

Nazisymbole und Wehrmachtsverherrlichung werden in vielen Kasernen offen gepflegt. Wenn Teile des Offizierskorps mit Mitteln der Staatsmacht die Ermordung von Politikern planen, ist dies die Planung eines Staatsstreichs. Wenn Frau von der Leyen jetzt alles aufdecken will, muss sie auch den Auftrag der Bundeswehr in Frage stellen. Das Auftauchen von Neonazis in der Bundeswehr, die heute wieder als Kriegsarmee im Einsatz ist, ist doch kein Wunder. Die Ziele sind die gleichen wie damals, der Feind steht im Osten und die Bundeswehr probt den Einsatz an den russischen Grenzen. Mit ihrer „Sicherheits“-Politik heizt die Bundesregierung die Kriegsgefahr in Europa an.

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg ist die Lehre aus unserer Geschichte.
Dieses Vermächtnis der Überlebenden ist erst erfüllt, wenn wir auch von der Bundeswehr befreit sind!

Gisela Kehrer-Bleicher
VVN-BdA Tübingen

Ansprache für die VVN zur Kundgebung am 1.September 2016, am Antikriegstag

8. September 2016

Für die VVN-BdA spreche ich – für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten. Diese wurde 1945 gegründet, aus dem Vermächtnis der Opfer des Hitler-Faschismus heraus, alles zu tun, dass auf deutschem Boden nie wieder Faschismus gedeihen darf, dass von Deutschland nie wieder Krieg ausgehen darf. Zu dieser Verantwortung steht die VVN-BdA heute wie damals.

Immer wieder wurde die VVN-BdA mit Verbot bedroht und als Anhängsel der KPD bespitzelt. Die KPD wurde wegen ihres konsequenten Kampfes gegen die Remilitarisierung durch das Adenauerregime verboten.

Vor 60 Jahren, am 31.Juli 1956, wurde das Wehrpflichtgesetz der BRD beschlossen. Das war an meinem 25.Geburtstag. Vier Wochen später, am 17.August, wurde die KPD verboten und damit tausende Strafverfahren und Verurteilungen gegen Antifaschisten und Antimilitaristen drastisch durchgezogen. Dieses KPD-Verbot vor 60 Jahren wirkt bis heute sehr nachhaltig. Es bedroht nicht nur die legale DKP, sondern alle, die sich konsequent gegen die fortschreitende Militarisierung im NATO-Bündnis und gegen Rechtsentwicklung zur Wehr setzen. Deshalb die dringende Forderung: KPD-Verbot aufheben und alle Opfer des Kalten Krieges rehabilitieren und entschädigen.

Kurz vor dem KPD-Verbot – am 14.August 1956 – starb Bertolt Brecht.
Bertolt Brecht schreibt im Gedicht

An meine Landsleute

Ihr, die ihr überlebtet in gestorbenen Städten,
habt doch nun endlich mit euch selbst Erbarmen!
Zieht nun in neue Kriege nicht, ihr Armen
als ob die alten nicht gelanget hätten:
ich bitt euch, habet mit euch selbst Erbarmen!

Ihr Kinder, dass sie euch mit Krieg verschonen
müsst ihr um Einsicht eure Eltern bitten.
Sagt laut, ihr wollt nicht in Ruinen wohnen
Und nicht das leiden, was sie selber litten:
Ihr Kinder, dass sie euch mit Krieg verschonen!

Vor der Machtübergabe an Hitler als Reichskanzler schrieb mit großen Buchstaben ein Antifaschist in Mössingen an eine Mauer: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“.
Und nach der Kapitulation des Nazireiches am 8.Mai 1945 war klar: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“
Und heute? Jetzt bin ich 85. Die meisten der Zeitzeugen von damals, die als Antifaschisten und Kriegsgegner bei den Nazis in KZs und Zuchthäusern inhaftiert waren, verstorben. Soweit sie nicht von den Faschisten ermordet wurden.

Manche der Widerstandskämpfer wurden unter Adenauer erneut eingesperrt, weil sie in der Friedens- und „Ohne-uns-Bewegung“ gegen die Wiederaufrüstung und Kriegsgefahr kämpften. Dieser Schandfleck deutscher Geschichte muss endlich gesäubert werden, statt in immer neue Kriege für die Superprofite des Monopol- und Rüstungskapitals zu ziehen.

Heute wird beklagt, dass bei Erdbeben (in Italien) Städte und Dörfer zerstört werden und hunderte Menschen ihr Leben lassen müssten. Reicht denn dieses Elend nicht? Warum werden dazu noch in Kriegen Menschen obdachlos gebombt und in die Flucht getrieben? Es gäbe doch genug Arbeit für die Beseitigung der Schäden durch Naturkatastrophen, um neue Heimat für die Obdachlosen zu schaffen.

Deshalb muss Schluss sein mit Osterweiterungen der NATO, mit Militäreinsätzen in aller Welt, mit Rüstungsexporten, mit Kriegsrüstung. Statt Panzer sollen lieber umweltfreundliche, den Menschen dienende Verkehrsmittel geschaffen werden. Und statt Raketenangriffs- und Abwehrsystemen lieber Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern. Und Wohnungen statt Atombunkern mit Aktion Eichhörnchen.
Es muss Schluss damit gemacht werden, dass wider Lebenserfahrung und besseres Wissens weiter Kriege produziert werden. Unser Volk hat doch in zwei Weltkriegen selbst erfahren, in welches Elend das führt!

Deshalb muss das schon tausend Male Gesagte immer wieder gerufen werden:
Nie wieder Krieg!
Nie wieder Faschismus!
Bis wir endlich, statt den Antikriegstag, einen weltweiten Weltfriedenstag gestalten und feiern können!

1.September 2016
Gerhard Bialas

60 Jahre KPD-Verbot 85

28. Juli 2016

60 Jahre KPD-Verbot, 85 Jahre Gerhard Bialas Kommunistische Politik und staatliche Repression in der Bundesrepublik 26.7.2016 im Club Voltaire Tübingen  

Eine gemeinsame Veranstaltung von VVV-BdA, SDAJ, DKP und Club Voltaire

Grußwort von Gisela Kehrer-Bleicher

Letzte Woche hat Gerhard seinen 85.Geburtstag gefeiert, seit 65 Jahren und bis heute ist er in seiner Partei aktiv und ein Urgestein der demokratischen Bewegungen in Tübingen. Wir haben gerade schon viel von ihm über die Zeit in der FDJ und der KPD und zu den Folgen des KPD-Verbots gehört. Aber Gerhard ist keiner, der sich unterkriegen läßt. Heute ist er in Tübingen und im Kreis als linker Kommunalpolitiker bekannt, der nicht nur im Gemeinderat und Kreistag für Roten Pfeffer gesorgt hat, sondern auch  in vielen außerparlamentarischen Initiativen und Bewegungen aktiv wurde. 1969, kurz nach der Neukonstituierung  der DKP ist er zusammen mit Christa eingetreten und gründete die Tübinger Ortsgruppe. Bald kamen viele junge Menschen dazu, Lehrlinge und Schüler, Studierende, Zivis, Krankenschwestern- und Pfleger. Gerhard erzählte uns damals hier im Club Voltaire, warum er Kommunist wurde und es auch trotz Diffamierungen und Repressalien blieb. 1975  mobilisierte die DKP zum erfolgreichen Bürgerentscheid gegen die unsoziale Einwohnersteuer und ging mit der Aktion Gläsernes Rathaus – damit man draußen sieht, was drinnen vorgeht in den Kommunalwahlkampf.

Die 2 Sitze für die DKP – Gerhard und Harald Schwaderer – waren die große Sensation. 1979 gelang Gerhard auch noch der Einzug in den Kreistag. Trotz schwieriger Zeiten für die Kommunisten nach dem Ende der DDR und der Sowjetunion im nun neoliberalen und antikommunistisch  erstarkten Gesamtdeutschland konnte Gerhard die Tradition linker Kommunalpolitik in Tübingen fortführen und mit der Gründung der Wählervereinigung Tübinger Linke (TÜL) seinen Sitz im Gemeinderat halten. Auch heute noch arbeiten in diesem überparteilichen Wählerbündnis Mitglieder von DKPder Linken und Unorganisierte zusammen; die TÜL ist mit je 4 Sitzen im Gemeinderat und Kreistag vertreten. Gerhard ruhte sich aber nicht auf den Rathaussesseln aus. Unermüdlich war er daneben immer in zahlreichen Bürgerinitiativen aktiv und trug deren Anliegen ins Rathaus. Damals, als Gerhard erstmals ins Rathaus einzog, wüteten noch Stadt- und Verkehrsplaner im Rathaus, die Tübingen autogerecht umbauen wollten. Unvergessen sind bis heute die erfolgreichen Aktionen gegen die geplante Stadtautobahn Nordtangente, gegen den Abriss von Schimpf und Schwabenhaus, die Verhinderung des Golfplatz im Ammertal. Den Abriss des König, den Bau der B 27 neu und die Schließung von Zanker konnte leider auch der breite Widerstand nicht verhindern. Bei all diesen Kämpfen war Gerhard mit an vorderster Stelle dabei und half den Widerstand ins Rathaus zu tragen. Seiner BI Weststadt, die in dieser Zeit entstand und die immer noch die wohl die aktivste Stadtteil-Initiative ist, bleibt Gerhard bis heute verbunden. Sie und die anderen Bürgerinitiativen sieht er als unerläßliche demokratische Stützen Kommunalpolitik. Tübingen kennt Gerhard bis heute als entschiedenen Kämpfer für Frieden und Abrüstung, gegen alte und neue Faschisten. Die Forderung: Garnison auflösen – Wohnungen statt Kasernen war jahrelang sein politischer Leitspruch. Zäh und beharrlich hat er immer wieder den Zusammenhang zwischen großer und kleiner Politik aufgezeigt, die Losung Global denken, lokal Handeln konkret umgesetzt und z.B. jahrelang OB, Stadt- und Kreisräte genervt, wenn er auf den Jäger 90 verwies, mit dessen  Abrüstung man viele soziale Leistungen finanzieren könnte. Ohne die Initiative und Unterstützung von Gerhard wäre der Erhalt des Gräberfeld X auf dem Stadtfriedhof   als antifaschistische Mahn- und Gedenkstätte und auch die Schaffung der Gedenkstätte für die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge beim ehemaligen Außenlager Hailfingen-Tailfingen wohl nicht möglich gewesen. Gerhard blieb neben diesen vielen politischen Aktivitäten, die man im Rückblick fast nicht mehr vollständig erfassen kann, aber immer auch noch Zeit für das Singen im Volkschor, für seine Gedichte (nicht nur zum Jahreswechsel), zum Leserbrief schreiben, für das Gärtnern, die Schafe und Hasen im Hellerloch, den Kleintierzüchter- und Imkerverein, für sein bis heute liebstes Hobby, die Bienen und nicht zuletzt auch für Christa und seine große Familie. Seine Hobbys haben ihn auch davor bewahrt, wegen der Kommunalpolitik verrückt zu werden. Nach bereits langer Zeit im Gemeinderat und im Kreistag wurde Gerhard einmal gefragt, ob ihm die Arbeit dort denn noch Spaß macht. Nein, antwortete er, aber den andern macht es ja auch keinen Spaß, wenn ich noch drin bin. 2005, nach 30 Jahren im Gemeinderat, schied er dann aus beiden Gremien aus, weil er der Meinung war, dass es Zeit wird für Jüngere, die auch ins harte Brot der Kommunalpolitik beißen müssen. Als Resumee seiner Arbeit konnte er damals darauf verweisen, dass sein politischer Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist: Inzwischen ist Tübingen ohne Militär, mit Gewerbe und Wohnungen statt Kasernen. Er legte sich aber nicht auf´s Altenteil und mischt immer noch ein, mit Leserbriefen, als Redner bei Kundgebungen und als roter Urgroßvater, der, wie an diesem Abend, seine politischen Erfahrungen an neue und jüngere Aktive in der linken Bewegung weitergibt. Dies ist heute auch nötiger denn je! Zu diesen Erfahrungen zählt auch das, was Gerhard als seine Lebensstrategie bezeichnet: Man muss auch trickreich sein, sich immer wieder was einfallen lassen und ein Stückchen schlauer sein als die, dann kommt man ganz gut durch… Und sich einfach mal kurz zurück ziehen und überlegen, wie gehst du in die Gegenoffensive, wie legst du dich mit denen am besten an, mit welcher breiten Öffentlichkeit… (Ich hab dann immer wieder die Abgeordneten damit beschäftigt, der Zeitung Informationen gegeben.“)   Lieber Gerhard, im Namen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Danke ich dir herzlich für dein unermüdliches Engagement in unserm Verband und für unsere gemeinsame Arbeit gegen Faschismus, für Frieden und eine gerechte und solidarische Welt. Wir gratulieren dir zu deinem Geburtstag und wünschen dir vor allem Gesundheit und noch viel Energie für kommende Aktivitäten. Herzlichen Dank auch an Christa, die gemeinsam mit ihm in all diesen Jahren diesen nicht immer leichten Weg gegangen ist und ihm nicht nur den Rücken freigehalten hat, sondern sich auch immer wieder selbst aktiv eingebracht hat. Und weil es so viele Geschichten von und über Gerhard gibt, hab ich zusammen mit Martha angefangen, diese aufzuschreiben. Wir möchten ihm heute  anlässlich seines 85.Geburtstags einen ersten Vorabdruck überreichen und freuen uns auf die weitere gemeinsame Arbeit mit ihm bei der Fertigstellung der Skizzen aus dem Leben eines Kommunisten.

Fahrt zur KZ-Gedenkstätte und Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm

6. März 2016

Samstag, 23.April 2016

Programm: 8.30 Uhr Busabfahrt Busbahnhof Tübingen 9.15 Uhr alter Busbahnhof Reutlingen 9.30 Uhr Bahnhof Metzingen 10.30 Uhr Führung DZOK Oberer Kuhberg 12.30 Uhr Fahrt in die Ulmer Innenstadt, Zeit zur freien Verfügung 14.30 Uhr Treffpunkt am Weinhof vor der Synagoge Führung zur Jüdischen Geschichte in der Innenstadt, Haus der Geschichte, Neue Synagoge und Münster mit Dr. Silvester Lechner 16.30 Uhr Einstein-Haus/VHS-Ulm: Ausstellung Albert Einstein, den Jugendwiderstand in Ulm und Inge Aicher-Scholl, Abschluss in der Cafeteria 17.30 Uhr Rückfahrt ca.19 Uhr Ankunft in Reutlingen ca.19.30 Ankunft in Tübingen Teilnehmergebühr: 15 €, ermäßigt 8€ Anmeldung bis 9.4.2016 bei: Rosa-Luxemburg-Stiftung Ludwigstr. 73a, 70176 Stuttgart, Tel.0711-99797090, mail: schlager@rosalux.de Bankkverbindung: Postbank Stuttgart, IBAN: DE93 6001 0070 0392 6207 08 BIC: PBNKDEFF, Betreff: Fahrt Oberer Kuhberg Eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Förderverein für jüdische Kultur in Tübingen und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg

Viktors Kopf – Filmpremiere am 13.3.2016 im Kino Arsenal

6. März 2016

Ein Dokumentarfilm von Regisseurin Carmen Eckhardt Sonntag 13.3.2016 11:30 Uhr Kino„Arsenal“ Hintere Grabenstraße anschließend Gespräch mit der Regisseurin   „Viktors Kopf“ erzählt schonungslos, persönlich und emotional eine Zeitreise zwischen NS-Vergangenheit und Gegenwart, Verdrängung und Wahrheit, in der die Grenzen sich in manchen Momenten zu verwischen scheinen und der Mut der Widerstandskämpfer heute noch für Verwirrung und Abwehr sorgt. Es geht um den lebensbedrohlichen Mut von damals und den Mut, den es heute braucht, ein Tabu zu brechen und die Verbindung zur eigenen Geschichte zu suchen. Auf der Suche nach den Spuren ihres Urgroßvaters dokumentiert Carmen Eckardt auch die verhängnisvolle Rolle der Tübinger Anatomie in der Zeit des Nationalsozialismus und geht auf die Geschichte des Gräberfeld X auf dem Tübinger Stadtfriedhof ein.   Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten(VVN-BdA) Tübingen-Mössingen, Verein Lern und Dokumentationszentrum zum Nationalsozialismus Tübingen, DGB-Arbeitskreis Tübingen, Kino Arsenal, Rosa-Luxemburg Stiftung Baden-Württemberg, gefördert durch den Fachbereich Kultur der Stadt Tübingen.

Vom Nazi-Diplomaten zum Nachkriegsoberbürgermeister: Hans Gmelin und die Vergangenheit, die nicht vergeht

12. Dezember 2017

Vom Nazi-Diplomaten zum Nachkriegsoberbürgermeister: Hans Gmelin und die Vergangenheit, die nicht vergeht

Gmelin Aufsatz

Waldhäuser-Ost und Wanne, Nordring und Frondsbergstraße, Schloßbergtunnel, Europaplatz und Rathaus-Arkaden – die Spuren des Wirkens von Oberbürgermeister Dr. Hans Gmelin (1955-1975) sind in Tübingen noch allenthalben sichtbar. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen jedoch weder die die Stadtplanung noch andere typisch kommunalpolitische Aspekte seiner Tätigkeit, sondern spezifische vergangenheitspolitische[1] Wirkungen und Implikationen seiner Amtszeit, die das Klima Tübingens prägten. Die Person Gmelins war nämlich bereits bei seiner erstmaligen Wahl zum Oberbürgermeister im Jahre 1954 – sein Amt trat er erst im Januar 1955 an – Gegenstand leidenschaftlicher Kontroversen, da er bekanntermaßen aktiver Parteigänger und Funktionsträger des erst wenige Jahre zuvor untergegangenen „Dritten Reiches“ gewesen war. Ob er trotzdem Oberbürgermeister werden dürfe, war damals die Frage. Hier soll untersucht werden, welche Wirkungen von seiner Wahl ausgingen, wie er in vergangenheitspolitischer Hinsicht sein Amt ausübte und ob man behaupten kann, er habe sich zum Demokraten gewandelt.

Oberbürgermeisterwahl 1954

Schon nach der Gemeindeordnung Württemberg-Hohenzollern, die 1954 in Tübingen noch galt, hatte der (Ober-)Bürgermeister nicht nur eine starke Stellung in der Kommune als Vorsitzender des Gemeinderats[2] und als Leiter der Geschäfte der Gemeindeverwaltung[3]; er wurde auch von den Gemeindebürgern direkt gewählt[4]. Die Direktwahl des Bürgermeisters hat im Geltungsbereich der „Süddeutschen Ratsverfassung“ Tradition und wurde  in den 90-er Jahren auch in fast allen anderen Bundesländern eingeführt. „Diese Volkswahl des Bürgermeisters ist ein echtes Plebiszit, eine Abstimmung über Personen. Und sie wird von den Wählern auch so wahrgenommen.“[5] Die Wähler „handeln in dem Bewusstsein, über das politische Geschick einer Person zu befinden.“[6]

Gmelin siegte 1954 im zweiten Wahlgang über den Amtsinhaber Wolf Mülberger, der wieder angetreten war. Hatte Mülberger im ersten Wahlgang noch hauchdünn vor Gmelin gelegen (41,46 % zu 41,01 % – der Drittplazierte landete abgeschlagen bei 17,44 %[7]), hatte Gmelin im zweiten Wahlgang einen deutlichen Vorsprung vor Mülberger und erhielt knapp 55 % der Stimmen.[8] 1962 wurde Gmelin übrigens unangefochten für zwölf Jahre[9] wiedergewählt, und zwar mit 98,5 % der Stimmen.[10]

Die Abwahl eines Amtsinhabers war damals eine Seltenheit, und sie ist es auch heute noch.[11] „Einmal im Amt, kann der Job des Bürgermeisters eine Lebensstellung sein, vorausgesetzt man ist fachlich gut, unbestechlich, unabhängig, bürgernah und weiß, wie es mit der Gemeinde weitergehen soll.“[12] Der Wahlsieg Gmelins 1954 über Mülbeger verdient also, gerade vor dem Hintergrund, dass er als Person umstritten war, näher betrachtet zu werden. Da er wegen seiner Nazivergangenheit umstritten war, ist es erforderlich, zunächst Biographie und Karriere Gemlins bis zu seiner Wahl zum Oberbürgermeister Tübingens zu beleuchten.

Gmelin stammte aus einer Familie der württembergischen Ehrbarkeit, „jenem Clan von ein- oder zweihundert Familien des akademisch gebildeten Bürgertums, die (sämtlich miteinander verwandt und verschwägert) die Geschichte des Ländchens zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert (…) bestimmten, in der Mehrzahl Juristen und Theologen (…).“[13] Gmelins Vater war Amtsgerichtsdirekor in Tübingen. Er selber sagte später aus, er habe sich „auf Grund von Familientradition und Erziehung früh nationalen und patriotischen Gedankengängen zugewendet.“[14] Er gelangte über SA, Jurastudium und eine Tätigkeit als Hilfsreferent im Reichsjustizministerium in den diplomatischen Dienst.[15]

Geboren wurde Gmelin 1911 in Tübingen, wo er auch einen Teil seines Studiums absolvierte. Schon früh war er Mitglied im Jungdeutschlandbund, 1931-33 des Stahlhelm.[16] Als Student trat er einer Burschenschaft bei, der „Normannia“, deren Mitglied auch andere Familienangehörige waren – er firmierte dort als „Gmelin IV“[17], sein Bruder Ulrich als „Gmelin V“[18]. Zumindest die „Aktivitas“ der „Normannia“ war Anfang der 30er Jahre zunehmend profaschistisch orientiert: Knapp drei Viertel des Eintrittsjahrgangs 1930 wurden vor oder nach 1933 NSDAP-Mitglied.[19] Seit 1933 war Gmelin SA Mitglied, zunächst als „Obersturmführer“. In deren Hierarchie stieg er bis zum „Standartenführer“ auf (1943)[20]. Das entsprach beim Militär dem Oberst.[21] 1937 wurde er Mitglied der NSDAP.[22]

 Bereits aus den Anfängen seiner SA-Zeit kannten sich Gmelin und Hanns-Elard Ludin, Gmelins Vorgesetzter während des Zweiten Weltkrieges.[23] Ludin gehörte zu den wichtigsten Vertretern von SA und NSDAP, vertrat eine „nationalrevolutionäre“ Linie[24] und hatte als einer der drei Angeklagten im „Ulmer Reichswehroffiziere-Prozess“ 1929/30 vor dem Reichsgericht gestanden, das alle drei zu Festungshaft verurteilte. Es war um die Bildung nationalsozialistischer Zellen in der Reichswehr gegangen.[25] Die Erschießungsaktion gegen den SA-Führer Röhm und andere1934 habe der SA-Führer Südwest nur durch Protektion von höchster Stelle überlebt, meinte später der ehemalige Mitangeklagte und 1931 zur KPD übergetretene Richard Scheringer.[26] 1938 nahm Gmelin als Führer der Kompanie „Hanns Ludin“ des „Sudetendeutschen Freikorps“ an der Besetzung des Sudentenlands teil.[27]

In Bratislava

Nachdem einige SA-Führer ab 1940/41 Botschafterposten in Südosteuropa erhalten hatten[28], wurde Ludin 1941 zum Gesandten in Bratislava ernannt. Die Slowakei war durch die Aufteilung der Tschechoslowakei 1939 einstanden: Während der tschechische Landesteil direkt unter deutsche Verwaltung gestellt wurde („Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“), übernahm in Bratislava ein klerikalfaschistisches Regime unter dem Priester-Präsidenten Jozef Tiso die Macht – allerdings von deutschen Gnaden: Faktisch handelte es sich um einen Satellitenstaat Hitlerdeutschlands, in dem die deutsche Gesandtschaft mehr als nur die Leitlinien der Politik mitbestimmte.

Ludin ging Anfang 1941 gemeinsam mit Gmelin, der bis dahin Leutnant in der 78. Infanteriedivision[29] gewesen war (in ihr hatten auch Scheringer und Ludin[30] gedient), nach Bratislava, zusammen mit einem weiteren Bekannten aus Stuttgarter SA-Tagen, Hans Snyckers, der dann in in der Kulturabteilung der Gesandtschaft arbeitete und ebenfalls ein enger Vertrauter Ludins war.[31] Die Gesandtschaft war das Bindeglied zwischen dem Auswärtigen Amt und der slowakischen Regierung.[32] Zum Aufgabenkreis der Gesandtschaft gehörte auch die Frage der slowakischen Juden. Seit Beginn ihrer Verfolgung und Deportation in die Vernichtungslager fungierte das Auswärtige Amt in der Slowakei „als Handlanger des Reichssicherheitshauptamtes“[33], das auch „Berater“ an die Gesandtschaft schickte. Gmelin hatte Kenntnis von den Vorgängen.[34] Beteiligt war er weiter u.a. an der Klärung von Fragen der „volksdeutschen“ Minderheit und ihrer Rekrutierung für die Waffen-SS[35]. Wie weit oben in der Hierarchie Gmelin stand, ergibt sich auch aus einer Äußerung von ihm selbst im Gespräch mit Wolfgang Venohr:

„Ich habe zweimal an Besuchen Tisos im Führerhauptquartier teilgenommen. Ich hatte den Eindruck, daß Hitler und Tiso sich sehr gut verstanden. Sie sind sich jedenfalls sehr offen und vertrauensvoll gegenübergetreten. Tiso hat sich dabei ganz normal verhalten: weder servil noch gespreizt. Er hat sich ganz bewußt als das gegeben, was er war: als biederer Landpfarrer. Sein persönliches Verhältnis zu Hitler war sicher von großer Hochachtung geprägt. Aber der deutsche Staatschef erwiderte diese Achtung und behandelte Tiso in den Gesprächen niemals als Vasallen.“[36]

Es ist davon auszugehen, dass eine Person von untergeordneter Bedeutung nicht den slowakischen Staatspräsidenten in das Führerhauptquartier hätte begleiten dürfen. Aber diese Frage schien sich Gmelin bei dem Interview nicht zu stellen. Während Tiso und Ludin 1947 in Bratislava als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und hingerichtet worden waren, gab Gmelin noch Jahrzehnte später gegenüber dem rechten Publizisten Venohr den Slowakei-Experten und Zeitzeugen mit fundierten Hintergrundkenntnissen. In Tübingen hat sich offenbar niemand für Venohrs Buch interessiert; Gmelins Äußerungen blieben, soweit ersichtlich, unbemerkt.

Neuanfang 1945

Zunächst von US-amerikanischem Militär interniert, beantragte Gmelin 1946 seine Entlassung und bot als Leumundszeugen u.a. den Bauern Richard Scheringer auf.[37] Stattdessen wurde er jedoch an die französische Besatzungsmacht überstellt und war bis 1948 in Balingen interniert – wobei er gegen Ende seiner Internierung zum Arbeitseinsatz bei dem Transportunternehmen seines Schwagers Konrad-Dietrich Riethmüller in Tübingen abkommandiert war.[38]

Im Juni 1948 wurde Gmelin nach Nürnberg transportiert. Dort wurde er im Prozess vor dem Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika gegen v. Weizsäcker u.a. (Fall 11 – so genannter Wilhelmstraßenprozess) als Zeuge vernommen. Gmelin befürchtete negative Auswirkungen auf sein Entnazifizerungsverfahren und erbat sich Durchschriften der Protokolle seiner Vernehmungen.[39]

Einer der Angeklagten war der – später zu 25 Jahren Gefängnis verurteilte – SS-General Gottlob Berger. Der war im September 1944 nach Ausbruch des slowakischen Nationalaufstands „Deutscher Befehlshaber in der Slowakei“ gewesen und hatte sich das slowakische Militär unterstellt. Gmelin war Verbindungsmann der Deutschen Gesandtschaft zu Berger und dessen Nachfolger Höfle. Die Vernehmungen Gmelins drehten sich deshalb vornehmlich um die Rolle Bergers in der Slowakei und seine Beziehungen zur Deutschen Gesandtschaft.

Zwar bekundete Gmelin, es habe schon seit frühen SA-Tagen Anfang der 30er Jahre Animositäten zwischen Ludin und Berger gegeben, aber er war sichtlich bemüht, Berger nicht zu belasten, insbesondere bezüglich der Deportation von Juden aus dem Aufstandsgebiet. Die Verantwortlichkeit für die Deportatationen versuchte er Bergers Nachfolger Hermann Höfle und dem Höheren SS- und Polizeiführer Josef Witiska, die beide 1948 bereits tot waren, zuzuschieben. Die Deutsche Gesandtschaft und er selbst seien dafür ohnehin nicht zuständig gewesen. Er habe vielmehr Eingaben zugunsten von Juden an Höfle weitergeleitet.[40] Kein Wunder, dass die beiden Rechtsanwälte Bergers Gmelin zum Zeugen der Verteidigung machten.[41]

Die Nürnberger Episode scheint Gmelin nicht weiter geschadet zu haben. In letzter Instanz wurde Gmelin von der zuständigen Spruchkammer als Mitläufer eingestuft.[42] Ab 1949 war Gemlin wieder im öffentlichen Dienst beschäftigt, zunächst jedoch im Angestelltenverhältnis: Der Referent im Wirtschaftsministerium Württemberg-Hohenzollerns Gmelin wurde erst zum 1.1.1952 ins Beamtenverhältnis auf Lebenszeit berufen und zum Regierungsrat ernannt. Seit dem 26.5.1953 war er, der inzwischen als Berichterstatter im Wirtschaftsministerium Baden-Württembergs arbeitete, Oberregierungsrat[43] Beamtenrechtlich und bezüglich der Besoldungsstufe entspricht das dem Gesandtschaftsrat, seinem letzten Dienstgrad im diplomatischen Dienst.[44] Sein beamtenrechtlicher Anspruch auf Wiederverwendung entsprechend seiner früheren Rechtsstellung ergab sich aus § 19 in Verbindung mit § 3 des „Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen“ vom 10. April 1951, das allen ehemaligen Beamten, die nicht als Hauptschuldige oder Belastete eingestuft worden waren, die Rückkehr in den öffentlichen Dienst ermöglichte.[45]

Zwar war die Meldung des „Schwäbische Tagblatt“ am 11.September 1954, Hans Gmelin habe als vierter Bewerber für das Amt des Oberbürgermeisters seinen Hut in den Ring geworfen, nur sehr klein und versteckt in das Blatt eingerückt. Bald kristallisierte sich aber heraus, das nur zwei Bewerber echte Chancen hatten: Amtsinhaber Wolf Mülberger und Herausforderer Gmelin.

Schon während des Wahlkampfs war Gmelins Nazi-Vergangenheit Thema leidenschaftlicher Kontroversen, aber Genaueres wissen wir über sie nicht. Denn das „Schwäbische Tagblatt“ hielt sich aus der Kontroverse weitgehend heraus.[46] Es lässt sich auch kaum noch rekonstruieren, ob Gmelin nun trotz oder wegen seiner Nazi-Vergangenheit im zweiten Wahlgang gewann – oder  ob sie für die Wahl gar nicht ausschlaggebend war. Aber bezeichnend sind zwei Anzeigen aus dem OB-Wahlkampf. Die der Gmelin-Gegner lautete „Wer aus der Vergangenheit gelernt hat, kann nur Mülberger oder Heuer wählen. Viele Tübinger“[47], und die der Gmelin-Unterstützer lautete „Weil wir aus der Vergangenheit gelernt haben, wählen wir Hans Gmelin. Die Wählerfreunde von Hans Gmelin“. Worum es in der Debatte während des Wahlkampfs ging, spiegelte sich im übrigen einerseits in mehreren Stellungnahmen Gmelins und andererseits in einer Leserbriefdebatte, die sich an die Wahl Gmelins unmittelbar anschloss.

Die erste Stellungnahme Gmelins erfolgte auf einer öffentlichen Kandidatenvorstellung Ende September, über die das „Schwäbische Tagblatt“ berichtete. Gmelin verwies auf angesehene Personen aus dem Kreis seiner Vorfahren und Verwandten, auf seine Dienstzeit in der 78. Infanteriedivision, in der auch viele andere Tübinger gedient hatten, um dann auf seine Zeit in Bratislava zu sprechen zu kommen – und auf seine Stellung zum Nationalsozialismus:

„1941 wurde ich in den auswärtigen Dienst einberufen (sic!) und der Deutschen Gesandtschaft in Preßburg als Legationssekretär und später als Gesandtschaftsrat zugeteilt.“[48]

Kein Wort über seine Aufgaben und die der Gesandtschaft in Bratislava. Das „Schwäbische Tagblatt berichtete“ weiter – ohne zu erwähnen, dass es Gmelin in der SA bis zum Standartenführer (Oberst) gebracht hatte:

„Gmelin ging ausführlich auf seine politische Vergangenheit ein, und er versuchte dabei nichts zu beschönigen. Die Situation war für diesen Bewerber nicht anders wie für Millionen junger Deutscher, die in den 30er Jahren in einem Alter, in dem die jugendliche Begeisterungsfähigkeit die kritischen Anlagen des Einzelnen leicht überspült, nicht zur Mitarbeit an einer lebendigen Demokratie aufgerufen wurden, sondern in den Sog der extremen Parteien gerieten. Gmelin war Führer eines SA-Studentensturms und einer SA-Sportmannschaft.“[49]

Vor dem zweiten Wahlgang meldete er sich in einer Stellungnahme zu Wort, die einer Wochenendausgabe des „Schwäbischen Tagblatt“ beilag[50]  und vielleicht auch als Handzettel verbreitet wurde. Teile der Bevölkerung stellten sich laut Gmelin seiner Kandidatur „aus der ernstlichen Sorge heraus“ entgegen, „der Nationalsozialismus, der über die ganze Welt so schweres Leid gebracht hat, könnte mit meiner Wahl erneut aufs Rathaus einziehen (…).“[51] Er habe bei der Kandidatenvorstellung seine „politische Entwicklung offen erörtert“. Und weiter:

Ich habe mich auch rückhaltlos zu dem politischen Irrtum bekannt, dem ich, wie die meisten meiner Mitbürger – zum Unglück unseres Vaterlandes – verfallen war. Ein Bekenntnis zu Fehlern und Irrtümern ist keine Schande. Daß ich persönlich Unrecht getan habe, wirft mir niemand vor und kann mir auch niemand vorwerfen.“[52]

Kaum war Gmelin gewählt, meldete sich in der Leserbriefspalte des „Schwäbischen Tagblatt“ der evangelische Theologieprofessor Gerhard Ebeling zu Wort – und löste eine hitzige Leserbriefdebatte aus, die die Redaktion Anfang November beendete. Ebeling machte sich – ausweislich der anschließend gegen ihn gerichteten zahlreichen Leserbriefe – in Tübingen viele Feinde, indem er konstatierte, die Tübingern Bürgerschaft habe einen Kandidaten gewählt, „dessen frühere Rolle als nationalsozialistischer Funktionär allgemein bekannt war. Sie hat damit den Beweis erbracht, dass für sie Bedenken in dieser Hinsicht zumindest nicht maßgebend sind, wenn nicht gar für einen erheblichen Teil der Wähler solche Vergangenheit eine Empfehlung bedeutet.“[53]

Dass Gmelin aktiver und engagierter Parteigänger der Nazis war, war bekannt. Aber unter den zahlreichen Leserbriefschreibern gab es nur einen, der erkennen ließ, dass ihm das eigentliche Problem in Gmelins Biographie bekannt war – der renommierte Wissenschaftsverleger Hans Georg Siebeck:

„Wer in den Jahren nach 1933 in die Partei eintrat – sei es aus Überzeugung, falsch verstandener Vaterlandsliebe oder auch nur aus menschlich wohl verständlichen Konjunkturrücksichten – ahnte in den meisten Fällen nicht, welch teuflischem System er sich da verschrieben hatte. Dieses Wissen war den verhältnismäßig wenigen an exponierter Stelle stehenden Führern vorbehalten. Herr Gmelin wird kaum behaupten können, daß ihm seine Tätigkeit in der Slowakei nicht Einblick in Dinge gewährt hätte, die heute jeden anständigen Deutschen mit Schauder und Scham erfüllen.“[54]

Ein weiterer Aspekt in Ebelings Leserbrief verdient gesonderte Beachtung: „Es ließen sich auch über die soziologische Schichtung der für Gmelin stimmenden Kreise beachtliche Feststellungen treffen, u.a. daß die Angehörigen der Universität sich offenbar überwiegend gegen ihn erklärten,“ schrieb er. Heute kann das Wahlergebnis natürlich nicht mehr soziologisch analysiert, aber immerhin noch nach Stadtteilen differenziert betrachtet werden. Die höchsten Stimmenanteile hatte Gmelin in Lustnau, in der Gartenstadt (früher: Horst-Wessel-Siedlung) und im Bereich Galgenberg/Wennfelder Garten, die niedrigsten hingegen in den Stimmbezirken Universität, Eberhardshöhe, Österberg und Denzenberg, also dort, wo man eher die wohlhabenderen Teile der Wählerschaft und Akademiker vermuten darf.[55] Die Gründe für dieses Resultat müssen aber ungeklärt bleiben – war es die Nazi-Vergangenheit Gmelins, die den Ausschlag gab, war es Unzufriedenheit mit der Kommunalpolitik des Amtsinhabers Mülberger, oder zogen soziale Versprechungen Gmelins[56]? Schließlich gab es auch noch Gerüchte über Verfehlungen Mülbergers im Rathaus.[57]

In einer parlamentarischen Demokratie ist üblich, dass bei einem Regierungswechsel ein neuer Minister die Führungsebene seines Ministeriums mit Personen seines Vertrauens und seines Parteibuchs besetzt. Bei einem Bürgermeisterwechsel ist es meistens analog – mit dem Unterschied, dass die Besetzung der führenden Posten im Rathaus dem Gemeinderat obliegt, in dem der (Ober-)Bürgermeister „seinen“ Kandidaten erst eine Mehrheit verschaffen muss. Im Falle des nach 1945 parteilosen Gmelin ist nun auffällig, dass die Riege seiner Beigeordneten ausnahmslos Männer waren, die, wie er selbst, bereits während des Faschismus Karriere gemacht hatten und durchaus als „alte Nazis“ bezeichnet werden können. Darum nun ein Blick auf die Personalpolitik Gmelins.

Gmelins Personalpolitik im Rathaus

Gleich zu Beginn der Amtszeit Gmelins als Oberbürgermeister 1955 war die Stelle des Stadtdirektors neu zu besetzen, da der Amtsinhaber Asmuss ausschied. Der Gemeinderat wählte den Juristen Helmut Weihenmaier, der dann ein Jahr später Erster Beigeordneter (Erster stellvertretender Bürgermeister) wurde.

Weihenmaier besaß kommunalpolitische und Verwaltungserfahrung: Von 1936 bis 1939 arbeitete er nacheinander als Regierungsrat am Landratsamt Urach, als stellvertretender Landrat in Reutlingen und als Amtsverweser in den Landratsämtern Crailsheim und Esslingen. Während des Krieges war er von 1939 bis 1944 „Kreishauptmann“ (Landrat) in Zamość und 1944/45 stellvertretender Landrat in Saarlouis. Im März und April 1945 arbeitete er am Landratsamt Reutlingen und wurde im Mai 1945 interniert. Ab 1948 arbeitete er im Wirtschaftsministerium Württemberg-Hohenzollern, zunächst als Angestellter, ab 1949 als Oberregierungsrat. Nach Auflösung des Landes wechselte er in die entsprechende Abteilung des Regierungspräsidiums Nordwürttemberg und 1954 zum baden-württembergischen Wirtschaftsministerium,danach kam er zum Regierungspräsidium Stuttgart als Leiter der Wirtschaftsabteilung. Kurz vor seiner Wahl in Tübingen wurde er zum Regierungsdirektor ernannt.[58]

Besondere Betrachtung verdient seine Tätigkeit als „Kreishauptmann“ in Zamość im Distrikt Lublin im damals so genannten Generalgouvernement. Unter diesem Begriff wurden die Teile Polens zusammengefasst, die unter deutscher Besatzungsverwaltung standen und nicht zur Annektion durch das Deutsche Reich vorgesehen waren. Zamość nahm insofern eine Sonderstellung ein, als dort exemplarisch versucht wurde, die von Heinrich Himmler als „Reichskommisar für die Festigung des deutschen Volkstums“ geplante Germanisierungspolitik umzusetzen. Die als nicht „eindeutschungsfähig“ eingestuften Teile der ortsansässigen Bevölkerung wurden vertrieben, zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschafft oder nach Auschwitz deportiert. Der jüdische Teil der Bevölkerung wurde in Ghettos zusammengefasst und später in Vernichtungslager transportiert und dort ermordet.[59] Allerdings wurde das Germanisierungsprojekt bald wieder eingestellt, da ein großer Teil der vertriebenen Bevölkerung zu den Partisanen überging, die Überfälle auf deutsche Siedler sich häuften und die landwirtschaftliche Produktion stark zurückging.[60]

Welches war nun dabei die Rolle des Kreishauptmanns Weihenmaier[61]? Er war der Vertreter des Besatzungsapparats vor Ort. Zwar waren sowohl für die Ansiedlung der („Volks“-)Deutschen als auch für die Deportation und Ermordung der ortsansässigen Juden eigentlich andere Instanzen zuständig, aber im April 1941 ließ Weihenmaier 8.000 Juden aus Zamość in ein nahegelegenes Ghetto „umsiedeln“.[62] Als 1942 die Massentötungen von Juden im Generalgouvernement begannen, wusste Weihenmaier nicht nur davon; er war auch direkt an der „Aussiedlung“ von Juden beteiligt.[63] Im Kreis Zamość befand sich zudem das Vernichtungslager Belzec. Das war in der Kreisverwaltung bekannt. In einer Vernehmung behauptete Weihenmaier zwar, er habe das Vernichtungslager erst besucht, nachdem der „Betrieb“ dort eingestellt gewesen worden sei. Aber die Neugier der (deutschen) Verwaltungsangestellten war so groß, dass Weihenmaier „Ausflüge“ nach Belzec verbot.[64] Und er bereicherte sich offenbar auch: Kurz vor der Räumung des Ghettos erhielt er jedenfalls „Zuwendungen“ vom örtlichen Judenrat.[65] Nach dem Kriege wurde gegen Weihenmaier ermittelt. Als er in den 60-er Jahren Landrat in Freudenstadt war, „bat er die Vernehmungsbeamten aus Sorge vor Gerede im Landratsamt, ihn zu weiteren Vernehmungen nicht mehr in seiner Behörde aufzusuchen.[66] Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Wiesbaden gegen ihn wurde 1974 eingestellt.[67] Weihenmaier war übrigens nicht der einzige ehemalige Kreishauptmann aus dem Generalgouvernement, der nach dem Kriege in Tübingen lebte.[68]

Bereits 1960 musste der Tübinger Gemeinderat die Stelle des Ersten Beigeordneten neu besetzen, da Weihenmaier zum Landrat von Freudenstadt gewählt worden war. Verabschiedet wurde er in Tübingen mit der Verleihung der neu gestifteten Bürgermedaille.[69] Zum neuen Stellvertreter Gmelins wurde Eberhard Doege gewählt. Auch er hatte seine Berufslaufbahn als Jurist im „Dritten Reich“ begonnen. Dem Tübinger Gemeinderat war bei seiner Bewerbung nur bekannt, dass er seit 1938 für das Reichsinnenministerium arbeitete, allerdings „abgeordnet z. Amt f. Gnadensachen, Ref. Beamtendienststrafsachen“[70]. Welchem Gemeinderat wird wohl bekannt gewesen sein, dass das „Amt für Gnadensachen“ zur „Kanzlei des Führers“ gehörte?[71] Im September 1943 wurde er zum kommissarischen Landrat für den Kreis Mogilno im Kreis Hohensalza ernannt. Eigenen Angaben zufolge hat er dieses Amt, da bereits zum Kriegsdienst eingezogen, aber insgesamt nur wenige Wochen während eines Urlaubs ausgeübt.[72] Doege war 1953 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und engagierte sich nach seiner Rückkehr im Verband der Heimkehrer. Seit 1955 war Doege stellvertretender Landrat von Freudenstadt und konnte wegen eines „Kronprinzenerlaß“ nicht selbst dort Landrat werden, als die Stelle 1960 frei wurde[73]. Kurz: Doege wechselte nach Tübingen, Weihenmaier nach Freudenstadt.

Ebenfalls bald nach Gmelins Wahl, nämlich 1956, war die Stelle des Oberbaurats neu zu besetzen. Der Gemeinderat wählte Richard Jäger. Er wurde 1960 Baubürgermeister und Zweiter Beigeordneter, übte dieses Amt bis 1977 aus und trat als letzter der Troika in den Ruhestand, nach Doege 1974 und Gmelin Anfang 1975. Auch Jägers Karriere hatte im „Dritten Reich“ begonnen: Eigenen Angaben zufolge[74] war er ab 1937 Leiter der Hauptgeschäftsstelle Saarbrücken der Landesplanungsgemeinschaft Saarpfalz bei der Regierung in Saarbrücken, ab 1938 stellvertretender Landesplaner für die Saarpfalz und außerdem ab 1940 Planungsreferent des Wiederaufbauamtes Saarpfalz bei der Regierung in Saarbrücken. Seine dortige Tätigkeit ist noch nicht erforscht, aber wir wissen immerhin, worum es bei der Landesplanung in der Saarpfalz ging, nämlich um das „Planungsziel ideales nationalsozialistisches Dorf: modern, maschinen- und parteigerecht“[75]: „Die Dörfer sollten sich den Anforderungen des zukünftigen Straßenverkehrs, dem geplanten verstärkten Einsatz von Landmaschinen und dem Platzbedarf des Militärs anpassen, deshalb waren eng bebaute Dorfkerne nicht erwünscht.“[76] Dementsprechend sollten Altbauten abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Auch war geplant, was später in der BRD Flurbereinigung genannt wurde. Wegen des Krieges wurden die Planungen aber nur partiell umgesetzt.[77] Jäger selbst leistete von August 1939 bis September 1940 und dann wieder ab November 1941 Kriegsdienst.[78] 1945 war er aber schon wieder Referent für Landesplanung und Wiederaufbau beim Oberregierungspräsidium Hessen-Pfalz in Neustadt/Weinstraße.[79] Später arbeitete er freiberuflich in Stuttgart.[80]

Vom autogerechten NS-Dorf zur autogerechten Nachkriegsstadt – so ließe sich der Karriereweg Jägers zusammenfassen. Generalbebauungsplan, Generalverkehrsplan, zuletzt dann der Beginn der Altstadtsanierung: War seine Tätigkeit bis in die 70-er Jahre stadtbildprägend, war er später zunehmend umstritten. Den Abriss des Schwabenhauses konnte er nicht durchsetzen[81], und sein letztes Projekt, eine Nordtangente, scheiterte 1979 spektakulär bei einem Bürgerentscheid.[82] Einer der schärfsten Kritiker Jägers und seiner Verkehrsplanung war der ehemalige Landeskonservator Adolf Rieth: „Herr Jäger wollte nichts Geringeres als eine Schneise vom Lustnauer Tor aus bis zur Krummen Brücke schlagen (…). Das Konvikt [Wilhelmstift] hätte man (…) eben verlegen müssen. Jägers ‚Querspange‘ hätte den ‚Anfang für eine endgültige Ruinierung des Altstadtbildes‘ bedeutet. (…) Seit dieser Zeit sind die Beziehungen zwischen Stadtverwaltung und Denkmalpflege gestört.“[83]

Nicht nur die Stadt, auch das Rathaus wurde unter Jäger stark verändert; man denke an die Betonarkaden, aber nicht nur an sie: „Als die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Städte wieder aufbauten, waren sie besessen von Treppen. Gewendelt oder als kubistische Skulptur, in Lichtfluten badend, wurden sie zum Signet der Auferstehung. Zu einem doppelbödigen – denn hinter dem offiziellen Bekenntnis zur Moderne und Demokratie standen verschwiegene Schuldgefühle und unterbewusste Erlösungshoffnung.“[84] Was ein bedeutender Architekturhistoriker und -kritiker, zudem Verfasser eines Werkes über NS-Architektur,[85] jüngst über die Paulskirche schrieb, mag auch für die vergleichsweise phantasielose – und heute auch unter Brandschutzgesichtspunkten als höchst problematisch betrachtete – Treppe im Tübinger Rathaus gelten.

Ein viertes und letztes Beispiel mag das hier gezeichnete Bild der Personalpolitik im Tübinger Rathaus während der Ära Gmelin abrunden. Im Oktober 1957 ging dort ein Brief an den „sehr geehrte(n) Herr(n) Oberbürgermeister“ ein: „Ich erlaube mir hiermit, mich um die freigewordene Stelle des leider verschiedenen Herrn G. [Fahrer des Oberbürgermeisters] zu bewerben. Meine Bewerbung begründe ich wie folgt: Wohnhaft in Tübingen (…) in wohlgeordneten Familien- und Finanzverhältnissen, von Beruf gelernter Kraftfahrzeugmechaniker, seit 30 Jahren als Kraftfahrer tätig. Meine Tätigkeit erstreckte sich über 10 Jahre als Omnibusfahrer der Stadt Pressburg; von 1940-45 als Cheffahrer an der Deutschen Gesandtschaft in Pressburg, worauf ich Ihre geschätzte Aufmerksamkeit besonders lenken möchte, da Sie, Herr Oberbürgermeister, in Ihrer Eigenschaft als Gesandtschaftsrat bei der Deutschen Gesandtschaft in Pressburg, meine absolute Zuverlässigkeit kennenlernten. Nach der Ausweisung 1945 kam ich nach hier, wo ich seit 1946 bis zum heutigen Tage bei der Spedition Riethmüller [Schwager Gmelins, s.o.] zuerst als Fahrer, in späterer Zeit als Lagermeister tätig bin. (…)“ Franz O. erhielt die Stelle. Und 1965 regte Gmelin beim Personalamt an, O. für eine tarifliche Höhereinstufung vorzumerken. Er sei nicht nur „Fahrer und Pfleger zweier Dienstfahrzeuge“, sondern übe „darüber hinaus Vertrauensfunktionen für mich persönlich und für das Bürgermeisteramt“[86] aus. Aus den Akten ergibt sich nicht, dass Gmelin etwa beunruhigt oder unangenehm berührt gewesen sei, einem Untergebenen aus den Tagen in Bratislava zu begegnen. Und da die Einstellung von Franz O. nicht dem Gemeinderat oblag, konnte Gmelin direkt oder über Anweisung an Untergebene hierüber entscheiden – wie die Entscheidung genau ablief, lässt sich leider nicht mehr rekonstruieren.

Insbesondere bei der Wahl der drei Bürgermeister Weihenmaier, Doege und Jäger stellt sich die Frage, ob Gmelin sie wegen ihrer Nazivergangenheit anderen, vielleicht qualifizierteren Mitbewerbern vorzog. Bei der Prüfung dieser Frage ist zunächst zu beachten, dass ein Bürgermeister (auch ein Oberbaurat) nicht vom Oberbürgermeister, sondern vom Gemeinderat gewählt wird. Allerdings hat der Oberbürgermeister „bestimmenden Anteil“[87] an dessen Entscheidungen: „Wer je einmal Sitzungen vorbereitet und geleitet hat, weiß, dass die Aufstellung einer Tagesordnung und die Leitung einer Sitzung Steuerungs-, wenn nicht gar Manipulationsmöglichkeiten bietet.“[88] Und wer je einmal ein Gemeinderatsprotokoll eingesehen hat, weiß, dass sich dort praktisch nie die Beweggründe für eine Personalentscheidung nachlesen lassen. Die vorbereitenden vertraulichen Gespräche im kleinen Kreise finden gewöhnlich keinen Eingang in eine Akte, weder damals noch heute. Inwieweit lassen sich also die damaligen Entscheidungsprozesse noch rekonstruieren?

Als Anfang 1955 der damalige Stadtdirektor Asmuss ausschied und seine Stelle neu besetzt werden musste, war eine Gemeindeordnung für Baden-Württemberg gerade in Bearbeitung. Es war nicht klar, ob die neue Gemeindeordnung eine solche Stelle überhaupt noch vorsehen würde. Die in Tübingen dahin anzuwendende Gemeindeordnung für Württemberg-Hohenzollern sah einerseits einen beamteten Gemeindeamtmann (Stadtdirektor) vor, der dem Bürgermeister „für den ordnungsgemäßen Gang der Gemeindeverwaltung (…) verantwortlich“[89] war, und andererseits (mindestens) einen ehrenamtlichen Beigeordneten als Stellvertreter des (Ober-)Bürgermeisters, den der Gemeinderat „aus seiner Mitte“[90] wählte. Die Gemeindeordnung Baden-Württemberg vom 25. Juli 1955 sah die Stelle eines Gemeindeamtmanns nicht mehr vor; übergangsweise sollte er jedoch bis zum Ablauf seiner Amtszeit im Amt bleiben.[91] Und der Erste Beigeordnete sollte nun ein hauptamtlicher Beamter auf Zeit sein.[92]

In Vorahnung der neuen gesetzlichen Regelung stellte Bewerber Weihenmaier klar, dass er lieber später zum hauptamtlichen Ersten Beigeordneten gewählt werden würde.[93] Andere Bewerber, mit denen zu verhandeln Gmelin vom Gemeinderat sich hatte ermächtigen lassen, zogen teilweise ihre Bewerbung zurück.[94] Schließlich beschloss der Gemeinderat, allen Kandidaten abzusagen und die Wahl des Stadtdirektors bis zur Verabschiedung der neuen Gemeindeordnung zurückzustellen.[95] In der Sitzung vom 10. Oktober 1955 – die neue Gemeindeordnung war inzwischen verabschiedet, aber noch nicht in Kraft getreten – war dann plötzlich nur noch von Weihenmaier die Rede. Gmelin liess sich ermächtigen, mit ihm in Verhandlungen über die Stelle des Stadtdirektors einzutreten, und der Gemeinderat beschloss, im Falle seiner Wahl auf eine Probezeit zu verzichten, ihm gleich die höchste mögliche Besoldungsstufe zuzubilligen und ihm die Wahl zum Bürgermeister zum 1.April 1956 in Aussicht zustellen.[96] Am 24. Oktober 1955 wurde Weihenmaier vom Gemeinderat einstimmig gewählt, nachdem zuvor der ehrenamtliche Erste Beigeordnete Otto Erbe angekündigt hatte, sein Amt altershalber im Frühjahr 1956 aufzugeben.[97] Eine kontroverse und lange Debatte hatte es um Weihenmaier in der Sitzung nicht gegeben; die war zuvor um die Auflösung des Tiergartens geführt worden.[98] Erbe schied tatsächlich aus, und am 2. Juli 1956 entließ der Gemeinderat Weihenmaier aus dem Amt des Stadtdirektors und wählte ihn einmütig zum hauptamtlichen Ersten Beigeordneten (Amtsbezeichnung: Bürgermeister).[99] Das Personalamt der Stadt hatte die Stellenausschreibung so formuliert, dass keine weiteren Bewerbungen um die neu geschaffene Stelle eingegangen waren.[100]

Anders war die Konstellation bei der Wahl Doeges 1960: Es lagen elf Bewerbungen vor.[101] Sieben vom Ältestenrat ausgewählte Bewerber stellten sich am 6. Juli 1960 dem Gemeinderat vor.[102] Doege scheint Eindruck gemacht und den richtigen Ton getroffen zu haben zu haben. Vielleicht lagen einzelnen Gemeinderäten auch Informationen über seine fünfjährige Tätigkeit als stellvertretender Landrat in Freudenstadt vor. Der Ältestenrat wählte für die Vorwahl am 25. Juli 1960 fünf Kandidaten aus den Bewerbern aus. Einer, Gemeinderat Gerhard Weng, zog jedoch seine Bewerbung wegen offensichtlicher Aussichtslosigkeit (!) zurück. Doege erhielt 25 Stimmen, der nächstfolgende 16. Damit ging Doege als Favorit in die Wahl.[103] Bei der sich an die Vorwahl anschließenden eigentlichen Wahl errang Doege 22 Stimmen, die beiden verbliebenen Mitbewerber zusammen sieben.[104]

Was gab nun für Doege den Ausschlag? War es seine gelungene Präsentation vor dem Gemeinderat? War es seine kommunalpolitische Erfahrung aus Freudenstadt? Hatte Gmelin hinter den Kulissen angedeutet, dass er ihn favorisiere? Fast alle Bewerber waren jedenfalls so jung, dass sie erst nach dem Kriege ihr Assessorexamen gemacht hatten, während Doege (geb. 1910) zur selben Altersgruppe gehörte wie Gmelin (geb. 1911), Weihenmaier (geb. 1905) und Jäger (geb. 1912). Und die drei erstgenannten hatten denselben „Stallgeruch“: Sie waren Verbindungsstudenten gewesen: Gmelin in der Burschenschaft „Normannia“ in Tübingen[105] (genau wie sein jüngerer Bruder Ulrich Gmelin[106], der spätere „Vertreter des Reichsstudentenführers im Kriege“[107], und ihr Vater[108]). Weihenmaier war ebenfalls „Normanne“[109], und Doege bekannte sich in seiner Vorstellung vor dem Gemeinderat dazu, engagiertes Mitglied einer Verbindung zu sein, die der „Deutschen Burschenschaft“ (rechtsgerichteter Dachverband) angehört.[110]

Ob auch Jäger einer Verbindung angehörte, konnte nicht ermittelt werden. Bei seiner Wahl gaben offenbar zwei Gesichtspunkte den Ausschlag: Sein Hauptkonkurrent, Oberbaurat Eberhard Haller aus Lindau, wurde, nachdem ihn eine Gemeinderatskommission besucht hatte, als „konservativ“ geschildert, was aber auch damit zusammenhänge, dass die Rathausspitze den alten Lindauer Stadtkern zu erhalten trachte (Weihenmaier).[111] Stadtrat Frauendiener (CDU) berichtete, die modernisierungsfeindliche Haltung Hallers, wonach „das Alte möglichst so erhalten werden sollte, wie es gewesen sei“, habe Mißstimmung in der Bürgerschaft Lindaus hervorgerufen.[112] Und Jäger scheint als Person mehr Eindruck gemacht zu haben: Man habe „sofort den Eindruck gewonnen,“ meinte Stadtrat Lang (SPD), „daß Oberbaurat Jäger über der Sache stehe. Seine Ausführungen habe er nur so aus der Hand geschüttelt.“ Zudem besäße er auch Verwaltungserfahrung.[113] Laut Stadtrat Kentner („Junge Stadt“) „imponiere [er] durch sein überdurchschnittliches Format.“[114] Trotzdem lag beim ersten Wahlgang – es standen inzwischen nur noch Haller und Jäger zur Wahl – Haller ganz knapp vor Jäger (12 gegen 11 Stimmen bei einer Enthaltung). Da im ersten Wahlgang beide Bewerber die erforderliche absolute Mehrheit verfehlten, wurde ein zweiter Wahlgang durchgeführt, in dem die einfache Mehrheit ausreichte. Bevor man zum zweiten Wahlgang schritt, liess Gmelin allerdings die Sitzung unterbrechen, damit die Fraktionen sich noch eimmal beraten konnten. Was in der Sitzungspause passierte, ist nicht überliefert. Aber nach der Pause stimmten 13 Gemeinderäte für Jäger und 11 für Haller. Hatten vielleicht Gmelin und Weihenmaier „unsichere Kantonisten“ bearbeitet?

Die auffällige Häufung ehemaliger Amtsträger des „Dritten Reiches“ an der Spitze des Tübinger Rathauses in der Ära Gmelin sorgte offenbar nicht für Diskussionen in der Stadt. Und aus den Gemeinderatsprotokollen ergibt sich nicht, dass irgendein Gemeinderat während der Personaldebatten Näheres über die Tätigkeit der Bewerber während des Faschismus in Erfahrung bringen wollte. Niemand fragte nach.

Wurde Gmelin Demokrat?

 

Und Gmelin selbst? Hatte er sich zum Demokraten gewandelt? Aus seiner persönlichen Freundschaft mit Ludin hat nie ein Hehl gemacht, nicht einmal in Nürnberg. Auf die Frage eines Verteidigers des Angeklagten Berger nach seinem Verhältnis zu Ludin („… war es ein enges, oder war es ein formelles und distanziertes?“), antwortete Gmelin:

Ich war Gesandtschaftsrat in der Gesandtschaft, und zwar zunächst der dritte und dann der zweite Gesandtschaftsrat. Ich war lange Zeit der persönliche Referent des Gesandten, und über das dienstliche Verhältnis hinaus waren wir engstens persönlich befreundet.[115]

Nach Ludins Tod kümmerte sich Gmelin um Ludins Witwe und Kinder. Die zogen 1952 nach Tübingen. Gmelin war bei der Suche nach einem Haus behilflich.[116] Als Erla Ludin 1964 – vergeblich – versuchte, sich vor Gericht eine Pension als Diplomatenwitwe zu erstreiten, trat Gmelin für sie als Zeuge auf. Auch der rechte Publizist Venohr war ihr Fürsprecher.[117]

Privat pflegte er Umgang auch mit alten Nazis und ehemaligen Kollegen aus Bratislava wie Hans Snyckers[118]. So berichtet Alexandra Senfft, wie bei einem Besuch ihrer Mutter, einer Tochter Ludins, bei den Gmelins 1950 in Tübingen plötzlich Gerhard Kreuzwendedich Todenhöfer auftauchte.[119] Der war einst stellvertretender Leiter der Abteilung D III für „Judenangelegenheiten“ im Auswärtigen Amt gewesen[120] und offenbar ein Freund Gmelins.

Zu den alten Freunden Gmelins seit den frühen 30er Jahren gehörte der von einem US-amerikanischen Gericht als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilte und später begnadigte Eugen Steimle.[121] Sicherlich hatten sie sich in der Burschenschaft „Normannia“ kennengelernt, der beide angehörten – Steimle wohnte seit dem Sommersemester 1930 in dem Haus der Verbindung,[122] dem Semester, in dem Gmelin, der bei seinen Eltern in der Südstadt wohnte, sein Studium in Tübingen aufnahm.[123] Im Wintersemester 1929/30 war Steimle als neuer „Fux“ in die „Normannia“ aufgenommen worden;[124] ein Semester später war Gmelin dann „Fux“ und Steimle „Jungbursche“.[125] Auf dem Höhepunkt ihrer „Karriere“ in der „Normannia“ waren im Wintersemester 1932/33 Gmelin „Fuxmajor“[126] und Steimle „Goldfux“[127]. Beiläufig sei an dieser Stelle erwähnt, dass Gmelins Bruder Ulrich im Sommersemester 1932 „Kneippräsident“ war, während Steimle als „Senior“ fungierte.[128] Und Weihenmaier war im Sommersemester 1928 und im Wintersemester 1928/29 „Goldfux“ gewesen.[129] Als die Herren studierten, waren fast alle höheren Beamten der württembergischen Innenverwaltung „alte Herren“ einer Tübinger Verbindung mit württembergischer Tradition.[130] Zwei nichtschlagende Burschenschaften, darunter die „Normannia“, waren darunter überproportional vertreten.[131] Der Berufsweg der beiden „Normannen“ schien also vorgezeichnet, bei dem Jurastudenten Gmelin noch mehr als bei dem stud. phil. Steimle, der wohl auf das Lehramt zusteuerte. Nach dem Kriege lebten  Steimles Frau und Schwiegermutter in Tübingen. Dorthin ging auch Steimle nach seiner Freilassung aus der US-Haft 1954. Bald darauf erhielt er eine Stelle als Lehrer an einem evangelischen Internat in Wilhlemsdorf (Oberschwaben). Von dort wandte er sich 1957 in einer Wohnungsangelegenheit seiner Schwiegermutter brieflich an Oberbürgermeister Gmelin. Anrede: „Lieber Hansi!“[132]

An der Stiftskirchenmauer am Tübinger Holzmarkt hing über ein halbes Jahrhundert lang die „Heimkehrertafel“, auf der derjenigen gedacht wurde, die sich zum Zeitpunkt ihrer Anbringung noch in alliierter, namentlich sowjetischer Kriegsgefangenschaft befanden.[133] Erst spät entdeckten die Nachgeborenen, dass sich unter den vermeintlichen und tatsächlichen Kriegsgefangenen auch rechtskräftig verurteilte Kriegsverbrecher befanden, die in einem Gefängnis ihre Haftstrafe verbüßt hatten. Während die Entdeckung des ehemaligen deutschen Botschafters in Paris, Otto Abetz,[134] noch ohne Reaktion blieb, führte die Entdeckung Steimles auf der Tafel 2003[135] zur ihrer Entfernung. Jeder auf der Tafel Verzeichnete wurde bei seiner „Heimkehr“ feierlich in Tübingen begrüßt, und in einer Feierstunde wurde sein Name auf der Tafel durchgestrichen.[136] Bei Gmelins Amtantritt waren die meisten Namen schon gestrichen. Aber als ein gewisser Ludwig Griesinger am 16. Juni 1955 in Tübingen empfangen wurde, hielt Gmelin eine Ansprache: „Er wies dabei besonders darauf hin, daß an diesem Tage [Er meinte wohl den 17. Juni. Anm. d. Verf.] überall der Deutschen gedacht werde, die um ihres Deutschtums willen leiden mußten,“, berichtete anderntags die Lokalzeitung.[137] Ein weiterer Redner war Polizeirat a.D. Bücheler, Griesinger früherer Chef in Tübingen.[138]

Aber auch Griesinger war kein „normaler“ Kriegsgefangener: Seit 1920 bei der Tübinger Schutzpolizei, war er 1933 zur hiesigen Kriminalpolizei und 1938 als Kriminalkommissar zur Staatspolizei-Außendienststelle Tübingen gewechselt. Ab 1939 war er Dienststellenleiter der Außenstelle der Gestapo in Eger (damals Sudentenland, heute Cheb, Tschechische Republik). Er wurde an die ČSR ausgeliefert, wo er zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt wurde. 1955 wurde er begnadigt.[139] War das Auslieferungsersuchen der tschechoslowakischen Behörden an die US-amerikanischen vom 15. August 1946 hinsichtlich der ihm zur Last gelegten Verbrechen noch relativ allgemein gehalten („As head of Gestapo at CHEB, Czechoslovakia, he is responsible for imprisonment, torture and death of many Czechs.“[140]), kamen dann in der Verhandlung vor Gericht viele einzelne Fälle zur Sprache: Mal erscheint Griesinger als gnädiger, dann wieder als gewalttätiger Provinzmachthaber, der auch KZ-Einweisungen veranlasste.[141] Für „jüdische Fragen“ („židovské otázky“) war er allerdings nicht zuständig; sie fielen in die Kompetenz einer Stelle in Karlový Varý.[142]

Als 1958 der Repetent des Evangelischen Stifts kritisierte, aus Anlass des 20: Jahrestags der Vernichtung der Tübinger Synagoge durch Brandstiftung hätte die Stadtverwaltung eine Gedenkfeier an deren früherem Standort durchführen sollen, kam es zu Diskussionen im Gemeinderat, in deren Verlauf Gmelin erklärte, „daß es nicht Aufgabe einer Stadtverwaltung sei, bildende und erziehende Feierstunden für die Bevölkerung abzuhalten.“[143] Vielleicht bezog sich Lilli Zapf, die Verfasserin der ersten Geschichte der Tübinger Juden[144], auch auf diesen Vorgang, als sie 1965 in einem Brief an Georg Weil (früher Tübingen) schrieb: „An den hiesigen Oberbürgermeister dagegen habe ich mich nicht gewandt. Ich will auch nicht, daß er sich irgendwie mit meiner Arbeit befaßt. Wie Sie vielleicht wissen, war er Adjutant von Ludin an der deutschen Botschaft in Preßburg/Tschechoslowakei. Es ist überhaupt unbegreiflich, wie dieser Mann in Tübingen als OB gewählt werden konnte.“[145]

Überlieferte Äußerungen von Gmelin über seine Tätigkeit in Bratislava sind rar. Er äußerte sich, wie wir oben sahen, ohne Reue gegenüber Venohr, bei dessen Buch über den slowakischen Nationalaufstand „es sich (…) um eine Rechtfertigungsschrift für die deutsche Wehrmacht handelt.“[146] Bei öffentlichen Anlässen äußerte sich Gmelin, wie sich aus überlieferten Redemanuskripten ergibt[147], im Rahmen des jeweiligen restaurativen beziehungsweise  konservativen Mainstream, etwa bei Ansprachen zum Volkstrauertag. So findet sich unter seinen Reden eine Musterrede aus der „Praxis der Gemeindeverwaltung“, 26. Fortsetzungslieferung Juli-Sepetember 1956.[148] Beim Volkstrauertag 1955 sagte Gmelin u.a.: „Es ist sicher ein Zeichen langsamer Gesundung unseres Volkskörpers, dass wir uns heute in so großer Zahl um dieses schlichte Ehrenmal versammeln.“ Und endete mit den Worten: „Unsere Toten rufen uns zu (…), vor allem die Opfer der Unterdrückung rufen: Vergesst die Freiheit nicht, für sie sind wir gestorben…“[149] Waren also 1955 die Soldaten von Hitlers Wehrmacht noch für die Freiheit gefallenen, gedachte Gmelin 1972 immerhin auch KZ-Opfern in seiner Rede und erwähnte sogar „die Nachrichten von Vietnam“. Und weiter über „unsere“ Toten: „Für sie war der Krieg und ihr Opferschicksal höhere übermächtige Gewalt! Sie haben ihr junges Leben gewiß nicht gerne hingegeben. Sie hätten gewiß gerne dieses Opfer nicht gebracht. (…) Der Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln…“[150]

Seit 1964 war Gmelin Vorsitzender des „Kameradenhilfswerk der 78. Infanterie- und Sturmdivision“[151] und bis zu seinem Tode dessen Ehrenvorsitzender.[152] 1959 weihte er das Denkmal für die Gefallenen und Vermissten der Division auf der Neckarinsel ein[153], und bei vielen Anlässen hielt er Ansprachen vor den Veteranen „seiner“ Division. Eine Diskussion gab es in Tübingen, als „Notizen“, die Zeitschrift des AStA, im April 1969 berichtete, bei einem Kameradschaftsabend sei am 7. September 1968 von Veteranen der Division die Nazi-Hymne „Die Fahne hoch“ gesungen worden – in Anwesenheit Gmelins. Der dementierte umgehend.[154]

Gmelin und das Singen nationaler Lieder: In seiner Ausgabe vom 19.Mai 1958 kritisierte das „Schwäbische Tagblatt“, dass Gmelin vorgeschlagen habe, am „Tag der deutschen Einheit“ alle drei Strophen des Deutschlandlieds zu singen, obwohl nur die dritte Strophe zur Nationalhymne bestimmt ist – und dass der Vorschlag einstimmig angenommen worden sei. Daraufhin bot der einst stramm nationalsozialistische Tübinger Philosoph Theodor Haering brieflich Gmelin seine Unterstützung an.[155] Ein halbes Jahr vorher war Haering Tübinger Ehrenbürger geworden.[156]

Ansonsten löste jedoch fast keiner der öffentlichen Auftritte Gmelins Diskussionen aus. Anders in seiner eigenen Familie: „Seine Tochter Herta[157] (…), Bundestagsabgeordnete und ehemalige Justizministerin, sagt, sie und ihr Bruder Wilhelm hätten sich mit ihrem Vater über die NS-Zeit oft heftig gestritten. Der ‚Judenberater‘ Wisliceny sei bei ihnen und Ludins doch ein- und ausgegangen, ihr Vater müsse doch verstanden haben, wohin die deportierten Juden kamen und was mit ihnen geschah! Ihr Vater habe das in den frühen Jahren abgestritten und gesagt, man habe das für die übliche Gräuelpropaganda gehalten. ‚Geschwätz‘ sei das gewesen, so Däubler-Gmelin. Erst gegenüber seinen Enkelkindern habe er offener sprechen können und sich im höheren Alter in einer Rede immerhin als Mitglied der Tätergeneration bezeichnet.“[158]

Öffentlich hat Gmelin weder Selbstkritik noch gar Reue gezeigt. Aber er hat sich nach dem Kriege auch nicht mehr öffentlich zu seinen früheren nationalsozialistischen Überzeugungen bekannt. Er amtierte als allseits respektierter Oberbürgermeister in der parlamentarischen Republik, so wie er vorher als Diplomat einem faschistischen System gedient hatte. Er fügte sich, wie so viele andere ehemalige Funktionsträger des Naziregimes[159] den „neuen politischen Konditionen“. „Denn für sie bestand angesichts der Integrationsangebote und der zum Teil lukrativen Posten kein Anlass mehr zum offenen Festhalten an der alten Ideologie.“[160] Ob Gmelins Anpassung an die neuen Verhältnisse nur oberflächlich blieb, ob sie aus Opportunismus erfolgte und ob vielleicht später Überzeugung hinzutrat, muss letztlich offen bleiben. Bezeichnend ist allerdings, dass seine Umgangsformen im Rathaus als autoritär beziehungsweise als patriarchalisch beschrieben wurden. So soll er den SPD-Stadtrat Professor Melchers angefahren haben, er solle doch erst einmal die Hände aus den Hosentaschen nehmen, bevor er mit ihm, Gmelin, spreche. Die frühere SPD-Stadträtin Gothild Braun erinnert sich an diesen Vorfall und schildert Gmelin als autoritär.[161] Am Ende seiner Amtszeit sprach ihn das „Schwäbische Tagblatt“ in einem Interview direkt auf seinen Führungsstil an, der als autoritär gelte, und fragte ihn dann: „Was ist für Sie Autorität?“. Die Antwort Gmelins:

Man kann als OB doch folgende Wege gehen: Man kann sagen, ich lasse ein bestimmtes Problem vorbereiten, ich lasse es durch meine Mitarbeiter vortragen und überlasse es dann dem Spiel der freien Kräfte in der Beratung mit dem Gemeinderat, was dabei herauskommt. So hat es im wesentlichen mein Amtsvorgänger gehalten. (…) Mein Stil ist das nicht. Und ich glaube auch nicht, daß die baden-württembergische Gemeindeordnung dieses Bild eines OB widerspiegelt, der unentschieden in eine Sitzung geht. Ich habe es von Anfang an immer so gehalten, daß ich in einer Vorbesprechung mit meinen Mitarbeitern Weg und Ziel besprochen habe und wie wir es erreichen wollten. Wobei ich übrigens durchaus abweichende innerhalb der Verwaltung im Gemeinderat vortrage. Aber ich versuche, mit einer koordinierten Auffassung der Verwaltung in die Sitzung zu gehen und diese Auffassung durchzusetzen. Wenn jemand das als autoritär oder undemokratisch ansieht, dann habe ich ein anderes Demokratieverständnis.[162]

Es wurde Gmelin leicht gemacht in Tübingen. Kritik gab es nur vereinzelt. Wie ernst man sie aber im Rathaus nahm, zeigt der Umstand, dass sich dort in Gmelins Personalakte (!) eine Kopie eines Flugblatts der „ROZ Rote Zelle Bosch“ von 1969 befindet, das Entlassungen durch Bosch und gleichzeitiges Spenden der Firma an einen „Demokratischen Club e.V. Tübingen“ anprangert: Dabei handele „es sich um einen Verein faschistischer Galgenvögel, wie Gmelin, Adjutant a.D. des hingerichteten Gauleiters von Bratislava, z.Zt. Oberbürgermeister von Tübingen, und Todenhöfer, ehem. hoher SS Offizier und Duzfreund Kiesingers u.a.“[163]

Erst 2005, als der Regisseur Malte Ludin einen Film über seinen Vater und seine Familie auch in Tübingen präsentierte[164] und das „Schwäbische Tagblatt“ aus diesem Anlass eine Sonderseite über Gmelins Nazivergangenheit veröffentlichte,[165] wurde Hans Gmelins Rolle – endlich – in der Tübinger Öffentlichkeit diskutiert und auch die Frage, ob er der ihm verliehenen Ehrenbürgerwürde würdig sei. Dass die deutsch-französische Gesellschaft in Tübingen nach wie vor ein Preis verleiht, der nach ihm benannt ist,[166] wohl deshalb, weil er sich um die deutsch-französische Verständigung verdient gemacht habe, ist hingegen noch nicht problematisiert worden.

Bereits 1982 war Gmelin in einem Standardwerk über die Ermordung der europäischen Juden erwähnt worden, wenngleich nur in einer Fußnote.[167] Aber die hatte in Tübingen offenbar niemand entdeckt. Thematisiert wurde die Erwähnung jedenfalls nicht.

[1]     Den Begriff der Vergangenheitspolititik prägte Norbert Frei, in: Frei, Norbert, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1986

[2]     § 46 Abs. 1 S. 1 Gemeindeordnung Württemberg-Hohenzollern (vom 14.3.1947)

[3]     § 48 Abs. 2 S. 1 Gemeindeordnung Württemberg-Hohenzollern

[4]     § 25 Abs. 1 Gemeindeordnung Württemberg-Hohenzollern

[5]     Wehling, Hans-Georg, Kommunalpolitik in Baden-Württemberg, in: Frech, Siegfried / Reinhold Weber (Hrsg.), Handbuch Kommunalpolitik, Stuttgart 2009, S. 14

[6]     Ebd.

[7]     Schwäbisches Tagblatt, 11.10.1954

[8]     Schwäbisches Tagblatt, 25.10.1954

[9]     § 42 Absatz 4 Satz 1 Gemeindeordnung Baden-Württemberg: „Die Amtszeit des Bürgermeisters beträgt acht Jahre, bei unmittelbarer Wiederwahl nach Ablauf der Amtszeit zwölf Jahre.“

[10]    Als Beispiel die Oberbürgermeisterwahl 1962: Gmelin 13.831 Stimmen, Sonstige 203 Stimmen, Wahlbeteiligung 51,67 Prozent (Schwäbisches Tagblatt, 15.10.1962)

[11]    Ebd.

[12]    Wehling 2009, S. 18

[13]    Harpprecht, Klaus, Herta, adieu, Die Zeit, Nr. 41 vom 2.10.2002

[14]    Aussage vor der Spruchkammer, zit. n. Lang, Hans-Joachim, Die rechte Hand des Botschafters. Vor 60 Jahren endete die Dipomatenkarriere des Tübinger Nachkriegs-OB Hans Gmelin im Internierungslager, in: Schwäbisches Tagblatt, 28.4.2005

[15]    Tönsmeyer, Tatjana, Das Dritte Reich und die Slowakei. Politischer Alltag zwischen Kooperation und Eigensinn, Paderborn u.a. 2003, S. 351. Laut „Alte Kameraden“, 29. Jg., Nr. 10/1981, S. 33, seit 1939 Landgerichtsrat.

[16]    Ebd.

[17]    Normannen-Blätter, Nr. 25, April 1933, S. 409

[18]    Normannen-Blätter, Nr. 22, April 1932, S. 349

[19]    Mammone, Francesco, Dokumentation: Recherchen im Berliner Bundesarchiv, in: Daur, Albrecht, und Francesco Mammone, Eine kleine Geschichte der Verbindung Normannia, Tübingen 2007, S. 69ff. (S. 74). Vgl. auch die Einschätzung bei Dallinger, Peter, Die Normannia in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, in: Daur u.a. 2007, S. 54ff. (S. 65), wonach die „Aktivitas“ 1933 bereit zur „unbedingte[n] Übernahme nationalsozialistischen Gedankenguts“ war.

[20]    Tönsmeyer 2003, S. 351

[21]    Hilberg, Raul, Die Vernichtung der europäischen Juden. Die Gesamtgeschichte des Holocaust, Berlin 1982, S. 810

[22]    Tönsmeyer 2003, S. 351

[23]    Tönsmeyer 2003, S. 90, Fußnote 141

[24]    Vgl. Schüddekopf, Otto-Ernst, Nationalbolschewismus in Deutschland 1918-1933, Frankfurt/M. u.a. 1973 (zu Ludin S. 294). Ferner zu Ludin 1933 und davor: Grill, Johnpeter Horst, The Nazi Movement in Baden, 1920-1945, Chapel Hill 1983, S. 210ff., S. 248, S. 251. Apologetisch Krebs, Albert, Tenedenzen und Gestalten der NSDAP. Erinnerungen an die Frühzeit der Partei, Stuttgart 1959, S. 214ff.

[25]    Vgl. Bucher, Peter, Der Reichswehrprozess. Der Hochverrat der Ulmer Reichswehroffiziere, Boppard 1967

[26]    Scheringer, Richard, Das große Los. Unter Soldaten, Bauern und Rebellen, Berlin (DDR) 1961, S. 382

[27]    Tönsmeyer 2003, S. 351

[28]    Döscher, Hans-Jürgen, Das Auswärtige Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der ‚Endlösung‘, Berlin 1987, S. 205f.

[29]    Zu dieser Tübinger Division vgl. Rüggeberg, Jens, Streit um ein Denkmal – Streit um das Gedenken, in:

[30]    Scheringer 1961, S. 438

[31]    Tönsmeyer 2003, S. 90, Fußnote 141, und S. 356f. Hoensch, Jörg K., Grundzüge und Phasen der deutschen Slowakei-Politik im Zweiten Weltkrieg, zit. n. dem Wiederabdruck in: Ders., Studia Slovaca. Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei, München 2000 (Festgabe zu seinem 65. Geburtstag – erschienen als Bd. 93 der Veröffentlichungen des Collegium Carolinum), S. 249ff., bezeichnet Ludins Adjutanten Gmelin und seinen Kulturattaché Snyckers als seine „engsten Mitarbeiter“ (S. 269).

[32]    Zur Rolle und den Aufgaben der Gesandtschaft vgl. neben Tönsmeyer 2003 auch Kaiser, Joachim, Die Politik des Dritten Reiches gegenüber der Slowakei 1939-1945. Ein Beitrag zur Erforschung der nationalsozialistischen Satellitenpolitik in Südosteuropa, Diss. Bochum 1969, sowie neuerdings Conze, Eckart/Norbert Frei/Peter Hayes/Moshe Zimmermann, Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, München 2010, S. 274ff.

[33]    Conze u.a. 2010, S. 274. Zur Verfolgung und Ermordung der slowakischen Juden und der Rolle der Deutschen Gesandtschaft gibt es weitere Literatur. Beispielhaft erwähnt seien Hillberg, Hoensch, Lipscher, Ladislav, Die Juden im slowakischen Staat 1939-45, München und Wien 1980; Rotkirchen, Livia, The Destruction of slowak Jewry. A documentary History, o.O., o.J. (Jerusalem 1961) (= From the Yad Vashem Archives, Vol. III)

[34]    Lang 2005 zitiert zwei einschlägige Dokumente aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, die Gmelins Paraphe tragen.

[35]    Tönsmeyer 2003, S. 179

[36]    Venohr, Wolfgang, Aufstand in der Tatra. Der Kampf um die Slowakei 1939-1944, Königstein/Ts. 1979, S. 55, Fußnote 6

[37]    Freilassungsantrag vom 11.3.1946, Staatsarchiv Sigmaringen, Wü 13 T 8 Nr. 2138

[38]    Arbeitszeugnis vom 20.8.1948, Staatsarchiv Sigmaringen, Wü 13 T 8 Nr. 2138

[39]    Vernehmungen Gmelins am 15.6.1948, Staatsarchiv Nürnberg, KV-Ankl. Interrogations, Nr. G-45

[40]    Eidesstattliche Versicherung vom 15.6.1948, Staatsarchiv Nürnberg, KV-Ankl. Dok. Fotop., NO-5921; Vernehmung Gmelins vor der Kommision, Staatsarchiv Nürnberg, Militärgerichtshof IV, Fall XI, 18. Juni 1948, Protokoll S. 9441ff.

[41]    Vernehmung Gmelins vor der Kommision, Staatsarchiv Nürnberg, Militärgerichtshof IV, Fall XI, 18. Juni 1948, Protokoll S. 9453 (Einlassung Dr. Bracht)

[42]    Staatskommissariat für die pol. Säuberung, Land Württemberg-Hohenzollern, Spruchkammer, Niederschrift vom 2.11.1950, Staatsarchiv Sigmaringen, Wü 13 T 8 Nr. 2138

[43]    Von Gemlin eigenhändig ausgefüllter Personalbogen vom 10.9.1954, SAT A 510 Gmelin, Hans

[44]    Döscher 1987, S. 315

[45]    Ausführlich schildert die Genese dieses umstrittenen Gesetzes: Frei 1996, S. 69ff.

[46]    Lang 2005

[47]    Schwäbisches Tagblatt, 9.10.1954

[48]    Schwäbisches Tagblatt, 25.9.1954

[49]    Ebd.

[50]    Das Flugblatt war der Ausgabe des „Schwäbischen Tagblatt“ von Samstag, 9.10.1954, beigelegt (Siebeck, Hans Georg, Schreiben an Tagblatt-Verleger Ernst Müller, 18.10.1954, Verlagsarchiv Mohr-Siebeck, bisherige Signatur S 6).

[51]    „Erklärung zur Oberbürgermeisterwahl“, 16.10.1954, SAT, ZGS 1 Gmelin, Hans

[52]    Ebd.

[53]    Schwäbisches Tagblatt, 27.10.1954

[54]    Schwäbisches Tagblatt, 30.10.1954

[55]    Das Wahlergebnis, auch in den einzelnen Stimmbezirken, wurde im Schwäbisches Tagblatt vom 25.10.1954 veröffentlicht.

[56]    Z.B. im „letzten Wort der Kandidaten“, Schwäbisches Tagblatt vom 23.10.1954: „Ein besonderes Anliegen ist es mir, den sozial Schwachen und den zahlreichen Opfern der Kriegs- und Nachkriegszeit ein Anwalt und Helfer zu sein.“

[57]    Er soll die alkoholisiert die Dienstlimousine des Oberbürgermeisters in den Straßengraben gefahren haben; anschließend habe er sie auf Kosten der Stadt reparieren lassen, so der Zeitzeuge Gerhard B.(Jahrgang 1932) im Gespräch mit dem Verfasser.

[58]    Roth, Markus, Herrenmenschen. Die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen – Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte, Göttingen 2009, S. 509

[59]    Eine gute Zusammenfassung bietet: Röhr, Werner, „Neuordnung Europas“. Vor 60 Jahren: Die „Aktion Zamość “ und der „Generalplan Ost“. Teil I, in: Junge Welt, 27.11.2002, und. Ders., Speerspitze der „Volkstumspolitik“. Vor 60 Jahren: Die „Aktion Zamość“ und der „Generalplan Ost“. Teil II, in: Junge Welt, 28.11.2002. Eine Dokumention stellt dar: Madajczik, Czeław (Hrsg.), Zamojszczyzna – Sonderlaboratorium SS. Zbiór dokumentów polskich i niemieckich z okresu okupacji hitleroskiej, 2 Bände, Warschau 1977 (zitiert die Dokumente im deutschen Original und bringt auch etliche Dokumente, die von Weihenmaier stammen oder ihn erwähnen, – vgl. z.B. Bd. 1, S. 14 und 155).

[60]    Von den vorgesehenen 60.000 Ansiedlern wurden insgesamt „nur“ 9.000 auf insgesamt 126 Dörfern verteilt (Röhr, 28.11.2002). Auch die Familie des früheren Bundespräsidenten Horst Köhler wurde in einem Dorf im Kreis Zamość angesiedelt und er selbst dort im Februar 1943 geboren (Lesser, Gabriele, Das Versöhnliche im späten Besuch. Exbundespräsident Horst Köhler besucht seine alte Heimat in Ostpolen – und begegnet einer dankbaren Bevölkerung, in: Die Tageszeitung, 12.5.2011).

[61]    Seine Sekretärin in Zamość von 1940 bis 1944 wird es gewusst haben. Anne W. hatte ihm schon in Reutlingen gedient. Von der Statsanwaltschaft Dortmund wurde sie vernommen, als diese wegen der Ermordung von Juden im Raum Zamość ermittelte. 1960 wurde sie Vorzimmerdame Hans Filbingers, damals Innenminister in Stuttgart. (Klemp, Stefan, KZ-Arzt Aribert Heim. Die Geschichte einer Fahndung, Münster u.a. 2010, S. 121 und S. 319).

[62]    Musial, Bogdan, Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement. Eine Fallstudie zum Distrikt Lublin 1939-1944, Wiesbaden 1999, S. 136

[63]    Ein Beispiel bringt Musial 1999, S. 260

[64]    Musial 1999, S. 331

[65]    Musial 1999, S. 316

[66]    Roth 2009, S. 387

[67]    Roth 2009, S. 509

[68]    Dr. Wilhelm Schäfer (Busko) war Prokurist einer Tübinger Essigfabrik, Carl Hermann Rieger (nacheinander Przemyśl, Sanok, Jarosław, ab 1940 Landrat von Rottweil) Oberregierungsrat bei verschiedenen Behörden, und  Heinz Albert Ritter (1939-43 Opatów) war bereits 1948 Oberregierungsrat (Roth 2009, S. 500 und S. 496ff.; Die Amtsvorsteher der Oberämter, Bezirksämter und Landratsämter in Baden-Württemberg 1810 bis 1972, Stuttgart 1996, S. 486f., S. 463f. Und 467).

[69]    „Silbermedaille für Helmut Weihenmaier. Stadtverwaltung und Gemeinderat danken dem scheidenden Mitarbeiter, Freund und Vorgesetzten“, in: Schwäbisches Tagblatt, 1.6.1960

[70]    Verzeichnis der eingegangenen Bewerbungen um die Stelle des Ersten hauptamtlichen Beigeordneten vom 13.6.1960, SAT, A510/Doege

[71]    Vgl. die zeitgenössischen Dokumentation: Tagung des Amtes für Gnadensachen in der Kanzlei des Führers der NSDAP. 13. und 14. Mai 1938 in der Akademie für Deutsches Recht („Geheim! Nur für den Dienstgebrauch!“). Es ist unklar, ob Doege an der Tagung bereits teilgenommen hat. Am 14.4.1938 hatte er sein Assessorexamen abgelegt und war anschließend in den Dienst des Reichsinnenministeriums übernommen und an die „Kanzlei des Führers“ abgeordnet worden (Verzeichnis der eingegangenen Bewerbungen um die Stelle des Ersten hauptamtlichen Beigeordneten; Personalbogen; beides SAT, A510/Doege).

[72]    Protokoll der Sitzung des Tübinger Gemeinderats vom 6.7.1960, GRP 1960, § 637, SAT, A75/203 (Bd. 1)

[73]    Eigenes Zeugnis: GRP 1960, § 637, SAT, A75/203 (Bd. 1)

[74]    Personalbogen, SAT A510/Jäger

[75]    Krebs, Gerhild, Nationalsozialistische Dorfarchitektur und Raumplanung im Saarland und in Lothringen (1939/1940-1944), in: Hudemann, Rainer, u.a. (Hrsg.), Stätten grenzüberschreitender Erinnerung – Spuren der Vernetzung des Saar-Lor-Lux-Raumes im 19. und 20. Jahrhundert. Lieux de la mémoire transfrnotalière – Traces  et réseaus dans l’espace Sarre-Lor-Lux aux 19e et 20e siècles, Saarbrücken, 3. Auflage 2009,publiziert. als CD-ROM sowie im Internet unter URL: http://www.menotransfront.uni-saarland.de bzw. http://www.memotransfront.uni-saarland.de/pdf/nationalsozialistische_dorfarchitektur.pdf, S. 6 [Stand: 5.8.2011]

[76]    Krebs 2009, S. 6

[77]    Vgl. auch Muskalla, Dieter, Zerstörung und „Neugestaltung“ von Siedlungsstrukturen während der NS-Zeit (Saar / Pfalz / Lothringen), in:Saarpfalz-Hefte. Blätter für Geschichte und Volkskunde, 1998, Heft 2, S. 5ff.

[78]    Personalbogen, SAT A510/Jäger

[79]    Personalbogen, SAT A510/Jäger

[80]    Gemeinderatsprotokoll vom 22.10.1956, GRP 1956, § 814, S. 2322 (SAT, A 75/199, 2. Bd.)

[81]    1976 zeigte er Reue: „Das Schwabenhaus abzureißen, würde ich heute nicht mehr vorschlagen.“ (zitiert nach: Mü-,  Möglich oder notwendig. Heute wird Richard Jäger in den Ruhestand verabschiedet, Schwäbisches Tagblatt, 27.10.1977)

[82]    Ströbel, Eckhard, Nordtangente abgelehnt. Der erste Bürgerentscheid in der Stadt. URL: http://www.zeit-zeugnisse.de/Home/themen_artikel,-Der-erste-Buergerentscheid-in-der-Stadt-_arid,132777.html [Stand: 6.8.2011]

[83]    Rieth, Adolf, „Konvikt eben verlegen“. Leserbrief, Schwäbisches Tafgblatt, 27.10.1977

[84]    Bartetzko, Dieter, Die vielen Häutungen einer Stadt. Vorwärts, nichts vergessen: Frankfurt-Fotografien von Ursula Edelmann, FAZ, 2.8.2011

[85]    Bartetzko, Dieter, Illusionen in Stein – Stimmungsarchitketur im deutschen Faschismus. Ihre Vorgeschichte in Theater- und Filmbauten, Reinbek 1985 – zudem Dissertation über Vorformen und Wirkungsgeschichte von NS-Architektur.

[86]    Dienstliche Mitteilung vom 21.10.1965, SAT A515/O., Franz

[87]    Wehling 2009, S. 14

[88]    Wehling 2009, S. 13

[89]    § 51 Absatz 2 Satz 1 Gemeindeordnung für Württemberg-Hohenzollern

[90]    § 49 Absatz 2 Satz 1 Gemeindeordnung für Württemberg-Hohenzollern

[91]    § 137 Absatz 4 Gemeindeordnung Baden-Württemberg

[92]    §§ 49 Absatz 1 Satz 1 und 50 Absatz 1 Satz 1 Gemeindeordnung Baden-Württemberg

[93]    SAT, GRP, § 153, Sitzung vom 28.3.1955, S. 671

[94]    So auch ein Herr Rieger, bei dem es sich um Oberregierungsrat Carl Hermann Rieger (Fußnote 53) gehandelt haben könnte.

[95]    SAT, GRP 1955, § 153, Sitzung vom 28.3.1955, S. 676

[96]    SAT, GRP 1955, § 526, Sitzung vom 10.10.1955, S. 1998ff.

[97]    SAT, GRP 1955, § 558, Sitzung vom 24.10.1955, S. 2088ff.

[98]    Der neue Stadtdirektor gewählt. Gemeinderat für Regierungsdirektor Helmut Weihenmaier / Maßnahmen gegen unerlaubtes Bauen, Schwäbisches Tagblatt, 25.10.1955

[99]    SAT, GRP 1956, § 244, Sitzung vom 2.7.1956, S. 1ff.

[100]  SAT, GRP 1956, § 244, Sitzung vom 2.7.1956, S. 2

[101]  SAT, GRP 1960, § 637, Sitzung vom 6.7.1960, S. 1521

[102]  Erstaunlich ausführlich: SAT, GRP 1960, § 637, Sitzung vom 6.7.1960, S. 1521ff.

[103]  SAT, GRP 1960, § 640, Sitzung vom 25.7.1960, S. 1569ff.

[104]  SAT, GRP 1960, § 641, Sitzung vom 25.7.1960, S. 1578f.

[105]  Tönsmeyer 2003, S. 351; Die Burschenschaft Normannia zu Tübingen. Mitgliederverzeichnis, Tübingen 1934, S. 57

[106]  Dvorak, Helge, Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Band 1: Politiker, Teilband 2: F-H, Heidelberg 1999,S. 147f.

[107]  Unter URL: http://www.audiovis.nac.gov.pl/obraz/47180/h:388/ [Stand: 6.8.2011] ist ein Foto vom 14.4.1942 veröffentlicht, dass „Reichsamtsleiter“ Ulrich Gmelin mit Joseph Goebbels zeigt.

[108]  In den „Normannen-Blättern“ Nr. 20 vom September 1931 wird Ulrich Gmelin als „Altensohn“ klassifiziert (S. 308).

[109]  Burschenschaft Normannia 1934, S. 53

[110]  SAT, GRP 1960, § 637, Sitzung vom 6.7.1960, S. 1533

[111]  Gemeinderatsprotokoll vom 26.11.1956, GRP, § 858, S. 2469 (SAT, A75/199, 2. Bd.)

[112]  A.a.o.., S. 2467

[113]  A.a.o., S. 2471

[114]  Ebd.

[115]  Vernehmung Gmelins vor der Kommision, Militärgerichtshof IV, Fall XI, 18. Juni 1948, Protokoll S. 9472 (Einlassung Gmelin)

[116]  Senfft 2007, S. 164

[117]  Senfft 2007, S. 195f.

[118]  Vgl. Senfft, Alexandra, Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte, Berlin 2007

[119]  Senfft 2007, S. 145

[120]  Senfft 2007, S. 145; Köhler, Otto, Der häßliche Deutsche. Jürgen Gerhard Todenhöfer, in: Konkret, Heft 2/1986, S. 18ff.; Conze u.a. 2010, S. 144, S. 653f.

[121]  Zu Steimle: Lächele, Rainer, Vom Reichssicherheitshauptamt in ein evangelisches Gymnasium – Die Geschichte des  Eugen Steimle, in: Lächele, Rainer, und Jörg Thierfelder (Hrsg.), Das evangelische Württemberg zwischen Weltkrieg und Wiederaufbau, Stuttgart 1995 (= Quellen und Forschungen zur württembergischenn Kirchengeschichte, Bd. 13), S. 260ff.; ders.,  Vom Reichssicherheitshauptamt in ein evangelisches Gymnasium – Die Geschichte des  Eugen Steimle, in: Binder, Hans-Otto, Die Heimkehrertafel als Stolperstein. Vom Umgang mit der NS-Vergangenheit in Tübingen, Tübingen 2007 (= Kleine Tübinger Schriften, Heft 32), S. 61; Rüggeberg, Jens, Eugen Steimle und die „Heimkehrertafel“. Seit über einem halben Jahrhundert wird am Tübinger Holzmarkt eines NS-Verbrechers gedacht, in: Schwäbisches Tagblatt, 23.8.2003. Vgl. auch den Beitrag von Binder, Hans-Otto, in diesem Band.

[122]  Studentenakte Eugen Steimle, UAT 364/27105; Verzeichnis der Studierenden, Sommersemester 1930 (hektographiert).

[123]  Studentenakte Hans Gmelin, UAT 364/8011; Verzeichnis der Studierenden, Sommersemester 1930 (hektographiert).

[124]  Normannen-Blätter, Nr. 15 vom Januar 1930, S. 216

[125]  Normannen-Blätter, Nr. 17 vom September 1930, S. 249

[126]  Normannen-Blätter, Nr. 25 vom April 1933, S. 407

[127]  Normannen-Blätter, Nr. 25 vom April 1933, S. 409

[128]  Normannen-Blätter, Nr. 23 vom September 1932, S. 363

[129]  Normannen-Blätter, Nr. 11 vom September 1928, S. 150, und Nr. 13 vom April 1929, S. 184

[130]  Ruck, Michael, Korpsgeist und Staatsbewußtsein. Beamte im deutschen Südwesten 1928 bis 1972, München 1996 (= Nationalsozialismus und Nachkriegszeit in Südwestdeutschland, Bd. 4), S. 39

[131]  Ruck 1996, S. 41

[132]  Brief vom 8.8.1957, SAT A570a, 243, Neckarh. 1-Neckarh. 8 (Aktenbestand des Wohnungsamts). Lächele 2007, S. 68f.

[133]  Rauch, Udo, Zur Geschichte der Heimkehrertafel am Holzmarkt, in: Binder 2007

[134]  Rüggeberg, Jens, „“Wie ist so etwas möglich?“, in: Schwäbisches Tagblatt, 11.9.1998

[135]  Rüggeberg 2003

[136]  Rauch 2007

[137]  Wieder kehrte einer zurück. Ludwig Griesinger kam aus der Tschechei / Noch acht Tübinger im Osten, in: Schwäbisches Tagblatt, 18.6.1955

[138]  Zu Bücheler: Geschichtswerkstatt Tübingen (Hrsg.), Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden (= Beiträge zur Tübinger Geschichte, Bd. 8), S. 387, 390f. und 399

[139]  Für den Hinweis auf und die Informationen über Griesinger bedanke ich mich bei Jens Kolata, der mir seinen Aufsatz „Die Staatspolizei-Außenstelle Tübingen“ (Arbeitstitel) zur Verfügung stellte. Der Aufsatz wird voraussichtlich Anfang 2012 veröffentlicht in: Bauz, Ingrid, Sigrid Brüggemann und Roland Maier (Hrsg.), Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern. Entwicklung – Verfolgungspraxis – Personen.

[140]  Faksimile in: Jiřík, Václav, Nedaleko od Norimberku. Z dějin Mimořádného lidového soudu v Chebu v letech 1946 až 1948 [Unweit von Nürnberg. Aus der Geschichte des Außerordentlichen Volksgerichts von Cheb in den Jahren 1946 bis 1948], Cheb 2000, S. 88

[141]  Einzelheiten bei Jiřík 2000, S. 82ff. – Für ihre Übersetzungshilfe bei der Lektüre des tschechischen Textes danke ich Frau Dr. Tamara Klingenberg, Tübingen.

[142]  Jiřík 2000, S. 94. – Die Verurteilung zu 20 Jahren Gefängnis ergibt sich aus Jiřík 2000, S. 93 und S. 639.

[143]  SAT, GRP 1958, § 1844, 17.11.1958, S. 4. Vgl. auch Lang, Hans-Joachim, Tübingen nach dem Holocaust: Wie sehr die Stadt ihre Juden vermißte, in Binder 2007, S. 95ff. (102).

[144]  Zapf, Llilli, Die Tübinger Juden. Eine Dokumentation, 3. Auflage 1981 (erstmals 1974 erschienen)

[145]  Zitiert nach: Lang, 2007, S. 109

[146]  Tönsmeyer, Tatjana, Die Einsatzgruppe H in der Slowakei, in: Hösler, Joachim, und Wolfgang Kessler (Hrsg.), Finis mundi – Endzeiten und Weltenden im östlichen Europa. Festschrift für Hans Lemberg zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1998 (= Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa, Bd. 50), S. 168, Fußnote 4

[147]  Vor einigen Jahren wurde dem Tübinger Stadtarchiv ein Konvolut von Redemanuskripten der Oberbürgermeister Gemlin und Schmid übergeben.

[148]  SAT A200/5646

[149]  Rede vom 13.11.1955, SAT 200/5658

[150]  Rede vom 19.11.1972, SAT 200/5658

[151]  „Alte Kameraden“, Nr. 10/1981, S. 33. Ferner: Die 78. Infanterie- und Sturmdivision 1938-1945. Eine Dokumentation in Bildern. Aufstellung, Bewaffnung, Einsätze, Soldaten, Friedberg 1981, S. 165. Kritisch zum „Kameradenhilfswerk“: Rüggeberg, Jens, Streit umn ein Denkmal – Streit um das Gedenken. Die 78. Infanteriedivison und ihr Tübinger Gefallenendenkmal, in: Erinnern gegen den Schlußstrich. Zum Umgang mit dem Nationalsozialismus, Freiburg 1997, S. 157ff.

[152]  Schwäbisches Tagblatt, 23.9.1991; „Alte Kameraden“, Nr. 11/1991, S. 29.

[153]  Rüggeberg 1997, S. 157; Schwäbisches Tagblatt, 10. und 12.10.1959

[154]  Schwäbisches Tagblatt, 11.6.1969

[155]  Gebhart, Patricia, Der Fall Theodor Haering. Geschichte eines Tübinger Ehrenbürgers. Vom Umgang mit der NS-Vergangenheit in Tübingen, Tübingen 2008, S. 82f.

[156]  Gebhart 2008, S. 83ff.

[157]  Geboren 1943 in Bratislava

[158]  Senfft 2007, S. 113

[159]  Roth 2009, S. 392

[160]  Ebd.

[161]  Hans-Otto Binder in einer E-Mail vom 1.9.2011 an den Verfasser

[162]  „Und diese Angriffslust habe ich“. Im Gespräch mit dem TAGBLATT reflektiert Hans Gmelin über seine zwanzig Oberbürgermeister-Dienstjahre, in: Schwäbisches Tagblatt, 21.12.1974

[163]  ROZ, Entlassungen…, undatiert, SAT, A515, Gmelin

[164]  „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“, Dokumentarfilm, Deutschland 2005

[165]  Lang, Hans-Joachim, Die rechte Hand des Botschafters. Vor 60 Jahren endete die Diplomatenkarriere des Tübinger Nachkriegs-OB Hans Gmelin im Internierungslager, Schwäbisches Tagblatt, 28.4.2005

[166]  Jüngstes Beispiel: Erfolg für TübAix. Bilingualer Studiengang erhält Gmelin-Preis, in: Schwäbisches Tagblatt, 21.6.2010

[167]  Hilberg, Raul, Die Vernichtung der europäischen Juden. Die Gesamtgeschichte des Holocaust, Berlin 1982, S. S. 501, Fußnote 1190

 

 

 

 

 

 

 

 

70 Jahre VVN Württemberg – Hohenzollern

10. Dezember 2017

Lothar Letsche

Ansprache und Moderation bei der

Matinee zum 70. Jahrestag der Gründung der VVN Württemberg-Hohenzollern

Tübingen, „Museum“, 5.11.201

 

Am 31. August 1947, morgens um 8:30 beginnend, wurde hier in diesem Gebäude im Schillersaal, der heute das Kino ist, von 200 Männern und Frauen, „politisch, religiös und rassisch Verfolgten“, wie es im Zeitungsbericht hieß, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes als Landesverband Südwürttemberg-Hohenzollern gegründet. Die überwiegend aus den Zuchthäusern und Konzentrationslagern der Nazis und aus dem Exil zurückgekehrten Antifaschistinnen und Antifaschisten bezeichneten sich als Kameradinnen und Kameraden, camarades, comrades. Das haben wir in unserer Organisation bis heute so beibehalten.

Also: liebe Kameradinnen und Kameraden,

liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

ich freue mich sehr, Sie und euch alle zu unserer heutigen Geburtstagsmatinee begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Lothar Letsche. Mein Vater Curt Letsche war 1947 einer der 200 Gründer. Er ist 97jährig im Februar 2010 in Jena verstorben. Ich wurde im Mai 1946 in Tübingen geboren, buchstäblich als Kind der Befreiung. Denn der Zug, der die politischen Häftlinge aus dem Zuchthaus Ludwigsburg im April 1945 nach Mauthausen bringen sollte, endete an der von amerikanischen Fliegern zerstörten Donaubrücke. Im Zuchthaus Kaisheim bei Donauwörth wurde mein Vater von den Amerikanern aus der Haft befreit.

Ich gehöre heute zum Geschäftsführenden Landesvorstand der VVN-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten. Ich begrüße Sie und euch in dessen Namen und zugleich für die Kreisvereinigung Tübingen-Mössingen. Mit dem Doppelnamen ehren wir unsere Mössinger Gründungsmitglieder, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des im Deutschen Reich einmaligen Mössinger Generalstreiks gegen Hitler am 30. Januar 1933 waren.

Das Gebiet, für das die VVN damals gegründet wurde, reichte von Freudenstadt über Tuttlingen; Calw, Schwenningen, Ravensburg, bis zum Bodensee. Mit dabei waren u. a. der Buchenwaldhäftling Albert Fischer aus Metzingen und unser jahrelang ältestes Tübinger Mitglied Gerda Eisenhardt, die gerade aus dem „Hotel Silber“ aus Gestapohaft entlassen worden war.

Einige besondere Gäste unserer heutigen Feier möchte ich namentlich begrüßen:

Dr. Christine Arbogast, Martin Gross, die Grußworte halten werden – vom OTFR sehe ich noch niemand -, Prof. Dr. Jürgen Wertheimer, der heute unseren Hauptvortrag halten wird, und die Gruppe JONTEF aus Tübingen.

Warum wurde die VVN geschaffen?

 In Württemberg-Hohenzollern gab es noch keine fertige Struktur zur Interessenvertretung der Naziverfolgten, als im März 1947 im Haus Gallus in Frankfurt bei einer „Interzonalen Konferenz“ die gesamtdeutsche VVN geschaffen wurde. Allerdings war sie nur ein Koordinierungsgremium für Landesvereinigungen, die jeweils von der zuständigen Besatzungsmacht lizenziert werden mussten. Deren Gründung passierte, wie eingangs gesagt, am 31. August 1947 hier in diesen Gebäude.

Über einen ganz wichtigen Akteur der Frankfurter Interzonenkonferenz werden wir heute noch einiges hören: Hans Mayer. Er hielt dort das erste Hauptreferat zum Thema „Widerstandsbewegung und Friedensvertrag“. Wir haben Fotokopien davon ausgelegt.

 Er zog einen Bogen von den Märztagen 1848 zu den Märztagen 1933 – dem Beginn der Wiederaufrüstung -, 1938 – dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs“ – , und 1939, dem Einmarsch der Nazis in Prag.

Heute im März 1947,  konstatierte Hans Mayer, erlebten die Zeitgenossen,

„ … im Tiefpunkt diese Entwicklungs-Märztage, an denen die Frage der deutschen Einheit überhaupt – nicht ob groß- oder kleindeutsche Lösung – besteht. Es drängt sich die Frage auf, warum dieser furchtbare Zusammenbruch in knapp einhundert Jahren? Weil es nicht gelungen ist, die große deutsche, bürgerlich-demokratische Revolution des Jahres 1848 durchzusetzen, weil immer wieder deutsche Freiheitsbewegungen niedergeknüppelt, niedergetreten, durch einen Schlag der Gegenrevolution, einen Sieg der Reaktion abgelöst wurden. Darum … steht es heute so, dass überhaupt die Einheit Deutschlands, der Bestand eines deutschen Staates, gar nicht mehr eines deutschen Reiches in Frage steht, und daraus haben wir die Lehre zu ziehen. Wir müssen die wirkliche deutsche Geschichte betrachten, und wir müssen sie betrachten als Männer des Widerstandes, als Männer deutscher Freiheitsbewegungen, als Männer, die gegen Hitler kämpften und die unter Hitler Opfer gebracht haben. Nichts ist notwendiger, wie ich glaube, als der Versuch, alle Legenden über Deutschland ein für allemal auszuräumen und der deutschen Entwicklung klar ins Auge zu sehen. Wenn wir es nicht tun, diejenigen, die man mit Recht als die Vertreter, als Bannerträger und als notwendige Grundlage einer freien deutschen Zukunft genannt hat, so wird es niemand tun.“

Sieht man davon ab, dass Hans Mayer nur von den Männern des Widerstandes sprach und nicht auch von den Frauen, so ist mir das so aus dem Herzen gesprochen, dass Herr Professor Wertheimer bitte entschuldigt, dass ich seinem Vortrag schon ein kleines bisschen vorgegriffen habe.

Hans Mayer war bis zu seiner Übersiedlung an die Leipziger Universität 1948 der hessische Landesvorsitzende der VVN, und als er dann Jahrzehnte später in Tübingen lebte, bis zu seinem Tod Mitglied unserer Kreisvereinigung und zuletzt auch unser Ehrenmitglied.

Wer waren die Gründerinnen und Gründer der VVN ?

 Die VVN gilt traditionell als Organisation der „politisch Verfolgten“ des Naziregimes und ihre Vorläuferorganisationen bezeichneten sich auch so. Das war aber nicht als Abgrenzung zu verstehen.

Die vor 70 Jahren beschlossene Satzung der VVN Südwürttemberg-Hohenzollern ließ als Mitglied zu, „1. wer aus politischen Gründen vom Nationalsozialismus a) wegen seiner politischen Betätigung oder  b) wegen seiner Weltanschauung oder c) wegen seiner Religion oder religiösen Betätigung oder d) wegen seiner Rasse verfolgt worden ist und nach Beendigung der Verfolgung Nazigegner geblieben ist, 2. Hinterbliebene oder Familienangehörige [dieser] Personen, 3. die während des Naziregimes sich nachweisbar als dessen Gegner gezeigt, Schaden erlitten haben, die Ziele der Vereinigung anerkennen und bereit sind, sich aktiv dafür einzusetzen.“

 Auch wenn das keine erschöpfende Aufzählung aller Opfergruppen war, sind doch die wesentlichen benannt – selbstverständlich auch die Juden, Sinti und Roma – und es ist klar, worum es ging: um eine überparteiliche, alle Verfolgungsgruppen umfassende Vertretung der Opfer der Nazipolitik.

Und worum ging es ihnen? Enthüllung der faschistischen und militaristischen Verbrechen – Würdigung des Widerstands – Ehrung der Opfer – Sicherung von Unterlagen – Ausschaltung der „belasteten Elemente“ aus dem öffentlichen Leben und aus Schlüsselpositionen – „Beseitigung des Nationalsozialismus in allen seinen Erscheinungsformen“ – Soziale und kulturelle Betreuung der Verfolgten und ihrer Hinterbliebenen – „Einsetzen dieser Personen in angemessene Stellungen, Hilfe bei der Berufsausbildung“ – Erholungsheime – kameradschaftlicher Zusammenhalt. Das sind die Stichworte aus der Satzung der VVN Württemberg-Hohenzollern in der Fassung von 1948.

Dauerkonflikt mit der SPD

 Schwer mit der VVN tat sich von Anfang an der von Kurt Schumacher geführte Westzonen-Parteivorstand der SPD. Bereits in einem Rundschreiben an SPD-Bezirksvorstände vom 4. Dezember 1946 wurde dringend empfohlen, „die Anregung zur Gründung solcher Vereinigungen abzulehnen und da, wo ihre Gründung nicht verhindert werden kann, die Mitgliedschaft und die Mitarbeit in diesen Vereinigungen zu verweigern.“

Die naziverfolgten Sozialdemokraten machten natürlich ihre eigenen Erfahrungen mit den damaligen Behörden und politischen Parteien und dort vorhandenen ehemaligen Nazis, und brachten sich anfänglich in nicht geringer Zahl in die Arbeit der VVN ein, die – wie beim Lesen alter Unterlagen plastisch deutlich wird – eine sehr große antifaschistische Bündnisbreite real verkörperte. 1947 hat noch – nur als Beispiel – die Tübinger Stadtverwaltung die Bürgerschaft aufgerufen, an der von der VVN veranstalteten Feier zum „Tag der Opfer des Faschismus“ teilzunehmen.

Aber im September 1948 fasste ein SPD-Parteitag, auch auf Drängen z. B. von Herbert Wehner, einen „Unvereinbarkeitsbeschluss“ mit der VVN  und stürzte damit viele sozialdemokratische VVN-Mitglieder in schwere Gewissenskonflikte. (Formal wurde dieser Beschluss erst 2010 aufgehoben.) Sie sollten nur noch in einer Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten mitarbeiten.

Nicht ganz im Einklang damit war es schon im Frühjahr 1948 – noch vor einem regionalen Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD – in Tübingen zu einer Gegengründung mit antikommunistischer Ausrichtung durch einzelne aus der VVN ausgetretene Naziverfolgte aus SPD, FDP und CDU gekommen. Vier der damaligen 11 Landesvorstandsmitglieder traten im März 1948 aus. Dagegen verwahrte der Reutlinger Sozialdemokrat Albert Blon sich ausdrücklich dagegen, für eine Spaltung der VVN vereinnahmt zu werden. Die Gegengründung schwächte die Arbeit in Tübingen, scheint aber in unserer Region später keine Rolle mehr gespielt zu haben.

In jenen Jahren hatte die VVN ohne Zweifel eine schwere Gratwanderung zu bestehen. Der „Kalte Krieg“, in den sie hinein gezogen wurde, war ja in manchen Teilen der Welt durchaus ein heißer Krieg. Die Amerikaner kämpften in Korea, die Franzosen in Indochina und rekrutierten auch Deutsche für ihre Fremdenlegion. Die Angst vor einem Dritten Weltkrieg war groß. Konnten und durften deutsche Antifaschisten in einer Organisation, die sich später mit ihrem Zusatznamen zeitweise als „Bund gegen Faschismus und Krieg“ benannte, politische Abstinenz üben? Wie konnte die überparteiliche VVN Kurs halten?

Von bestimmten sozialdemokratischen und bürgerlichen Kreisen war die Kameradschaft aufgekündigt worden, die in den KZs, in der Emigration, in den Internationalen Brigaden in Spanien über Parteigrenzen hinweg geübt worden war. Als Folge lichteten sich die Reihen der VVN, die Kommunisten blieben natürlich. Nun wurde sie erst recht als angebliche Tarnorganisation der inzwischen verbotenen KPD hingestellt und schließlich wurde versucht, sie vor dem Bundesverwaltungsgericht ebenfalls zu verbieten.

Dieser Verbotsprozess, in dem VVN u.a. durch den Tübinger Rechtsanwalt Dr. Rudolf Zimmerle vertreten wurde, scheiterte allerdings spektakulär: Es stellte sich heraus, dass der zuständige Senatspräsident ein ehemaliger Blutrichter der Nazis gewesen war.

 Wiedergutmachung

 Zum Kerngeschäft der VVN in jenen Jahren gehörte die solide Interessenvertretung für die Naziverfolgten.

Als die Karlsruher Außenstelle des Wiedergutmachungsamts Ende 1969 geschlossen wurde, schrieb ihr Alfred Hausser: „Die Amtsangehörigen und die VVN waren bemüht, … im Rahmen von vier sich einander ablösenden Gesetzen schweres Unrecht, das von Deutschen an Deutschen verübt wurde, wieder gutzumachen – soweit dies überhaupt möglich war. Wenn auch nicht jeder Geschädigte sein Recht gefunden hat, wofür in erster Linie der Gesetzgeber verantwortlich ist, so dürfen wir doch feststellen, dass die Ergebnisse unserer gemeinsamen Bemühungen beachtlich sind und dass dadurch viele von der Verfolgung Betroffene menschlich und wirtschaftlich wieder aufgerichtet wurden.“

Alfred vergaß nicht, die Amtsangehörigen zu bitten, „als Staatsbürger dieses Unrecht [zu] bezeugen und für die Verfolgten ein[zu]stehen […], wenn die Situation es erfordert – denn die Vergangenheit ist leider noch nicht bewältigt.“

 Es gab in Württemberg-Baden – also der amerikanischen Besatzungszone – ein besonderes Gesetz, das „politisch Verfolgten“ einen Zusatzurlaub von 5 Tagen im Jahr gewährte. 1974 gelang es der IG Metall, diesen Zusatzurlaub per Tarifvertrag auch für das Tarifgebiet Südwürttemberg-Hohenzollern durchzusetzen. Nicht zuletzt dank solcher Persönlichkeiten wie Willi Bleicher in Stuttgart und Helmut Buck in Reutlingen hatte die VVN immer einen guten Draht zur IG Metall.

Geschichtsforschung und Gedenken

Wer heute aufmerksam durchs Land fährt oder durch eine Stadt wie Tübingen geht, bemerkt viele Zeichen der Erinnerung an die NS-Verfolgung. Das war nicht immer so, und anerkannt ist die Pionierrolle, die die VVN über Jahrzehnte hierbei gespielt hat.

  • Das Gräberfeld X auf dem Tübinger Stadtfriedhof für die in der Anatomie der Universitätsklinik gelandeten Leichenteile der Opfer der Nazijustiz,
  • das regelmäßige Gedenken an den Mössinger Generalstreik – Demonstrationen mit 15.000 Menschen im Jahr 1983, 1200 im Jahr 2013,
  • die jahrelangen Bemühungen um eine Gedenkstätte für die KZ-Häftlinge am ehemaligen Flugfeld Hailfingen-Tailfingen,

das sind nur drei heraus gegriffene Beispiele aus unserem Landkreis, die die Anwesenden ohne Zweifel durch viele andere aus ihrer eigenen Region ergänzen können.

Das ist bis heute für unsere Kreisvereinigungen und viele unserer Mitglieder ein ständiges Arbeitsfeld geblieben. Die Perspektive, die wir einbringen, ist die unserer Gründerinnen und Gründer, und wir verbinden es stets mit unserem wichtigsten heutigen politischen Anliegen – der Bekämpfung des Neofaschismus und jeder Rechtsentwicklung.

Manche haben schon vergessen, dass von 1968 bis 1972 die NPD mit 9,8 Prozent Wählerstimmen im baden-württembergischen Landtag saß; das Land wurde damals von einer Großen Koalition CDU/SPD regiert. Das war nicht die erste Rechtsaußenpartei, die es so weit brachte. Ein sogenannter „Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ koalierte in den Anfängen Baden-Württembergs sogar mit der FDP und SPD und dann mit der CDU, und von 1992 bis 2001 erzielten die „Republikaner“ 10,9 beziehungsweise 9,1 Prozent. Und jetzt haben wir bekanntlich mit 15,1 Prozent die AfD im Landtag.

Wer wenn nicht die VVN ist berufen, in dieser Situation darauf hinzuweisen, dass Faschismus keine Meinung, sondern ein Verbrechen ist! In Österreich gilt bis heute ein Verbotsgesetz gegen Nazi-Betätigung und unser letzter Bundeskongress hat beschlossen, in einer ähnlichen Richtung initiativ zu werden.

 Zum weiteren Ablauf

 Mit ihren historischen Wurzeln und gemeinsamen Anliegen und durch ihre aktuelle Arbeit ist die VVN verbunden mit einer Vielzahl von Institutionen, Organisationen und zum Teil auch prominenten Personen. In der begrenzten Zeit, die wir für unsere heutige Matinee haben, werden drei von ihnen stellvertretend mit Grußworten zu Wort kommen

  • die Erste Bürgermeisterin der Universitätsstadt Tübingen Frau Dr. Christine Arbogast,
  • der Landesbezirksleiter der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft – ver.di -, der Kollege Martin Gross, und
  • das Offene Treffen gegen Faschismus und Rassismus – OTFR, ein Jugendbündnis in Tübingen, das wir mit unseren Möglichkeiten unterstützen und mit dem wir bei vielfältigen Aktionen sehr gerne zusammenarbeiten.

(Das Programm wurde während des Ablaufs umgestellt. Reihenfolge:)

  • JONTEF mit Klezmer und Theater aus Tübingen.
  • Vortrag von Prof. Jürgen Wertheimer.

Danach besteht im Saal und im Vorraum die Möglichkeit, sich in Gesprächen und Diskussionen auszutauschen, historische Plakate und eine Ausstellung über Alfred Hausser anzuschauen, Bücher Broschüren und das Plakat mit unserem „Wimmelbild“ über den Neofaschismus zu erwerben, das draußen an der Wand hängt, und Getränke und einen kleinen Imbiss einzunehmen. Um 13 Uhr wird unsere Matinee zu Ende sein.

Nun bitte ich Frau Dr. Arbogast um ihr Grußwort.

Danach Grußworte von Martin Gross (ver.di) und Joachim Böck (OTFR).

Nach dem Vortrag von Prof. Wertheimer

 Veranstaltungen der VVN werden traditionell beendet mit dem Moorsoldatenlied, das am 27. August 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor bei Papenburg im Emsland erstmals gesungen wurde. Der Text stammt von dem Bergmann Johann Esser und dem Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff, die Musik von dem kaufmännischen Angestellten Rudi Goguel, einem Elsässer. Es gibt 30 Versionen und Bearbeitungen dieses Lieds mit Interpreten wie Ernst Busch, Paul Robeson, Pete Seeger, The Dubliners und Hannes Wader. Wir haben den Text vervielfältigt ausgelegt und die Band Jontef wird die Melodie intonieren.

 (Nach dem Lied: )

Ich danke Ihnen – euch – allen, dass ihr heute gekommen seid. Ich danke sehr herzlich allen Mitwirkenden – Herrn Prof. Wertheimer, den Überbringern der Grußworte, der Gruppe Jontef, der Verwaltung, dem Hausmeister und der Restauration dieses Hauses und natürlich allen unseren Mitgliedern, die bei der Vorbereitung dieser Veranstaltung geholfen haben.

Wir könnten sie heute nicht an diesem Ort in dieser Form durchführen, wenn wir nicht einen Zuschuss aus der Kulturförderung von der Universitätsstadt Tübingen bekämen. Dafür bedanken wir uns sehr herzlich bei den Verantwortlichen.

Trotzdem ist die VVN-BdA eine Organisation, die das, was sie tut, aus ihren Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert. Auch wenn die AfD demagogische Anfragen im Landtag stellt – wir bekommen sonst vom Staat nichts. Wir haben draußen auch eine Spendenbüchse aufgestellt und freuen uns über alles, was auf diesem Weg hereinkommt.

Ansprache und Moderation

 

Die vorgetragene Rede wich teilweise vom schriftlichen Manuskript ab.

Erste Bürgermeisterin Dr. Christine Arbogast      05.11.2017

Sehr geehrte Damen und Herren,

am heutigen Tag sind erstmals seit Langem auch wieder Abgeordnete in den Deutschen Bundestag eingezogen, die fordern, dass ein Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit Deutschlands gezogen werden müsse.

Das ist als Tatsache schier unerträglich und zeigt, wie wichtig es auch heute noch, im Jahre 2017 ist, sich in Deutschland ein mahnenden Gedächtnis an die eigene grausige Vergangenheit in den Jahren 1933 – 1945 zu erhalten.

Dazu braucht es Menschen, die sich um eine Erinnerungskultur bemühen und die sich gleichzeitig auch engagieren, wenn in der Gegenwart Entwicklungen drohen, die die Demokratie ins Wanken bringen können.

Diese Menschen gibt es beim VVN, seit nunmehr 70 Jahren hier in Baden-Württemberg, und ich möchte Ihnen herzlich gratulieren zu Ihrem Jahrestag.

Die Arbeit die Sie machen, ist keine leichte, gibt es doch inzwischen nicht wenige Menschen die meinen, die Vergangenheit ruhen zu lassen, sei allemal besser als sich dauernd damit auseinander setzen zu müssen.

Demokratie – und alles was damit verbunden ist – wird als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Und viele, die demokratische Prinzipien als verhandelbar betrachten, machen sich gar nicht bewusst, dass sie damit auch an den eigenen Stuhlbeinen sägen, die eigene Freiheit damit perspektivisch einschränken.

Wir alle gemeinsam sollten nicht nachlassen, demokratische Werte hochzuhalten und zu verteidigen. Wir sollten nicht nachlassen, an den Grundrechten, wie sie in unserer Verfassung verankert sind, festzuhalten. Wir sollten nicht nachlassen, die Idee einer europäischen Union, die seit Jahrzehnten für die längste Friedensphase sorgt, die wir in Europa je hatten, diese Idee weiterzuverfolgen. Wir sollten nicht nachlassen, uns für Menschenrechte hier bei uns, aber auch andernorts stark zu machen. Und ich bin froh und dankbar, dass der VVN sich diesen Aufgaben verschrieben hat.

In Tübingen fand in den letzten Jahren eine intensive Diskussion um die Zeit Tübingens im Nationalsozialismus statt:

  • Im Frühjahr 2016 wurde der Geschichtspfad zum Nationalsozialismus angelegt, der diese dunklen Seiten der Tübinger Stadtgeschichte beleuchtet
  • Die Einrichtung eines Lern- und Dokumentationszentrums zum Nationalsozialismus in der alten Güterhalle wird geprüft
  • Im Gemeinderat wurde intensiv über die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde von Adolf Scheef, von 1927 bis 1939 Oberbürgermeister Tübingens, auf Grund seiner Rolle im nationalsozialistischen Tübingen gestritten
  • Es wurde eine Studie über den Ehrenbürger und den ehemaligen Oberbürgermeister Hans Gmelin in Auftrag gegeben, die dessen Verstrickungen im Nationalsozialismus aufgearbeitet hat
  • Wir haben ein Projekt zur Restitution von Raubgut, das bei uns im Stadtmuseum angesiedelt ist und Objekte ausfindig gemacht hat, die wenn schon nicht den eigentlichen Besitzern, so doch zumindest den Nachkommen zurückgegeben werden sollen

…. um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen.

All diesen Initiativen und Diskussionen ist eine intensive Aufklärung und Erinnerung an dieses Kapitel in Tübingen wichtig.

Auch die Universität Tübingen hat als erste deutsche Uni 2015 in einer großen Ausstellung ihre eigene Rolle im Nationalsozialismus unter die Lupe genommen.

Ich selbst habe mich in den 90er-Jahren intensiv im Rahmen meiner Dissertation mit dem Thema NS auseinander gesetzt und meine historische Forschungsarbeit auch auf die Nachkriegsjahre ausgedehnt. Es ist bis heute eine aus Forschungssicht sehr spannende Frage, wie man in Deutschland mit der Aufarbeitung von Schuld umgegangen ist und heute noch umgeht. Die Parameter hierfür haben sich sehr verändert. Und wie viele Jahrzehnte es gebraucht hat, um die Verstrickungen in allen Ebenen des politischen und gesellschaftlichen Lebens aufzuarbeiten, hat sich mir selbst schon daran gezeigt, dass ich 1991 einen Archivar getroffen habe, der mir sagte, es sei noch zu früh für die Bearbeitung meines Themas. Ich habe wohlgemerkt über Kreisleiter und Kreisfrauenschaftsleiterinnen der NSDAP in Württemberg geforscht und eine der größten Mühen dabei war, dass viele Akten noch gar nicht sortiert und damit unzugänglich waren.

Wer also meint, wir sollten doch nun endlich aufhören, uns mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen, der hat gar nicht verstanden, wie viel wir hier immer noch aufzuarbeiten haben.

Wichtig ist mir aber  – bei aller historischen Betrachtung – dennoch auch, dass es uns gelingen muss, die Menschen heute wieder für Demokratie im besten Sinne zu begeistern. Deutlich zu machen, was Emanzipation und Freiheit für jeden Einzelnen bedeuten können und welche Risiken damit verbunden sind, diese Werte leichtfertig in den Wind zu schreiben.

Ich finde es besorgniserregend, dass wir in Deutschland eine AfD haben, die mit rund 13 % der Wählerstimmen nun viele Ressourcen nutzen kann, um Werte und Normen in Frage zu stellen, die bisher bei uns Konsens waren. Eine Partei, die das Grundrecht auf Asyl in Frage stellt, aus dem Euroraum aussteigen will und postuliert, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Das widerspricht der Religionsfreiheit, wie sie in unserem Grundgesetz als eines der elementarsten Rechte verankert ist.

Zum Schluss möchte ich mich nochmal ausdrücklich bedanken für Ihre aller Engagement für die gute Sache und Ihnen Kraft, Mut und Energie für die künftige Arbeit wünschen.

 Erste Bürgermeisterin Dr. Christine ArbogastFrau Dr.Arbogast

 

Jürgen Wertheimer                                                                                                    

 

AlternativeN für Deutschland

(Vortrag am 5. Nov. 2017 aus Anlass des 70. Jahrestages der VVN

 

Liebe Freunde der VVN,

meine Damen und Herren,

Sie erwarten von mir weder eine (Sonntags-)Festrede (das will ich nicht) noch einen Fachvortrag (den kann ich nicht). Der etwas wortspielerische Titel „AlternativeN für Deutschland“ sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass uns – ich nehme an auch Ihnen – in Anbetracht neuer neuerer Tendenzen europaweit nicht nur zum Feiern zumute ist. Hans Mayer, der uns ja indirekt zusammengeführt hat, wäre sehr viel alarmierter, als wir es derzeit noch sind. Seine Explosionen waren gefürchtet. Jetzt wären sie angebracht!

Die wenigen Male, in denen ich ihn in den neunziger Jahren hier in Tübingen erleben durfte, hatte ich extrem zwiespältige Gefühle. Er schien die Inkarnation gutbürgerlicher Gediegenheit, ja Behaglichkeit – doch dahinter lauerte ein Abgrund, war brüchiger Boden, ein erschüttertes Gemüt, dass durch jeden nur marginal erscheinenden Vorfall aufs Neue zu erschüttern war. Als Jude, Kommunist aus Deutschland geflohen, exiliert in der Schweiz, über die DDR in der BRD gelandet, fühlte er sich nirgends mehr so recht heimisch.

Das gegenwärtige Heimat-Gesumse allenthalben hätte ihn mit Sicherheit irritiert. (Entschuldigen Sie den etwas respektlosen Ausdruck, aber in Anbetracht einer Welt von Migrationsströmen und Hunderttausenden  von Staatenlosen (selbst in Mitteleuropa, man denke etwa an Makedonien, Rumänien) finde ich diese plötzliche Heimatversessenheit etwas unheimlich). Symptomatisch dazu Mayers Überlegungen im Kontext seiner Bürgerrede 1987: „Nun wusste ich, dass ich hier im Tübinger Rathaus unter gar keinen Umständen beginnen könne und dürfe mit einem ‚Meine lieben Mitbürger!‘ Das klingt schroff, ist aber nicht zornig oder auch nur bitter gemeint, sondern beruht auf einer nüchternen Feststellung.“

Ich spreche von „erschüttertem Gemüt“. Wenig später sollte es zu dem Bruch mit der Tübinger Universität kommen, die jetzt, allmählich einzuräumen beginnt, dass sie in den dreißiger Jahren bereits exzellent war – damals freilich auf dem Sektor der Naziideologie. Ein hämischer Verriss durch einen Tübinger Kollegen hatte genügt, um das Verhältnis des Honorarprofessors Hans Mayer zur Universität Tübingen auf immer zu zerstören. Absurde Überreaktion eines beleidigten, eitlen Solisten? Keineswegs, denn sieht man sich die genannte Kritik an, so ist sie gezielt verletzend: Da ist der denunziatorisch-herablassende Gesamtgestus, mit dem das „Ragout à la Mayer“ nassforsch-pingelig in seine Bestandteile zerlegt wird, und dem Autor die „einfachsten Gesetze wissenschaftlicher Redlichkeit“ abgesprochen beziehungsweise totale Ignoranz arrogant zugesprochen wird. Am Ende ein Tiefschlaghagel – „was kennt Mayer eigentlich [überhaupt] noch“ und der giftige Ratschlag, dem Leser einen geplanten zweiten Band bitte zu ersparen. Mayer war tief getroffen. Was war geschehen? Was war im Rastersensorium Hans Mayers geschehen? Einer hatte wieder vom Büchervernichten gesprochen, mit einem symbolischen Liquidationsgestus wortgespielt, und keiner war ihm ins Wort gefallen. Kein öffentlicher Widerspruch, kein Einschreiten, keine Empörung zu spüren, die Universität vermied es, Position zu beziehen. Nein, das war kein Sturm im akademischen Wasserglas, kein privater Eitelkeitsanfall eines Gekränkten, das war für Mayer Bücherverbrennung in effigie 40 Jahre später. Virtuell und „nur“ metaphorisch – doch als Struktur identisch. „Rückschluss“ – ja. Aber kein „Kurz-Schluss“. Bücherverbrennung, Büchervernichtung war ihm Angriff aufs Innerste seiner Person. Seiner alles andere als selbstsicher in sich ruhenden Person. Er sah darin Angriff: Auch auf die Literatur. Klarsichtig: Literatur als Kassandrastimme.

Tübingen also nach Köln, der inzwischen unheimlich gewordenen Heimat – über all noch Blutgeruch und Brandgeruch (Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 1, S. 275) – der Emigration in Frankreich und der Schweiz, der Nachkriegszeit in Frankfurt, den langen Jahren der Lehrtätigkeit in Leipzig von 1948-1963.1963, Mayer Ende 50, mit seinen zwei Koffern im Westen.

Irgendwo zwischen Franz Kafka und Charlie Chaplin und ganz weit weg von den selbstsicheren Eliten Deutschlands erscheint mir Hans Mayer jetzt: Akademischer Tramp, Paria, Außenseiter. Hannah Arendt hat den Typus des Ausgesetzten, Gestrandeten, Verfolgten in ihrem wunderbaren, klugen kleinen Buch über „Die verborgene Tradition“ des Judentums]  präzise beschrieben. Sein Buch über Außenseiter war keine Autobiografie. Persönliches hätte er nie von sich preisgegeben. Es war mehr. Es war und ist das Protokoll, das Dokument einer Entdeckungsreise, die nicht nur nach innen führt, sondern ihre sehr konkreten Anknüpfungspunkt draußen in der Welt hatte: Außenseiter-Ethnographie:

„Alles ist eingegangen in das Buch Außenseiter, die Schriften der Feministinnen, (auch) die bösartigen Gegenthesen von Norman Mailer, oder die erstaunlich kühl für eine marktgerecht auskalkulierende Spezialkundschaft hergerichteten Pornoshops, oder die Bilder der aus Deutschland emigrierten und ihrer Meetings von Außenseitern aller Art, von denen keiner den anderen ansieht und dennoch jeder den Blick eines anderen sucht.“

Im Exil haben Mayers Grundeinstellungen sich nicht verändert. Sie haben jedoch eine neue Kontur bekommen. Der Nazigegner und Antifaschist wurde zum Widerstandsorganisator. In der Schweiz fühlte er sich wie ein Schiffbrüchiger – er selbst verwendete das Bild des Floßes der Medusa. Allerdings nicht isoliert, sondern im Verbund, aus dem Gewissenswiderständler wurde ein Netzwerker und Publizist: Das einzige Feld der Arbeit, das dem Internierten blieb.

Hans Mayer gehörte zu den Begründern der Flüchtlingszeitschrift „Über die Grenzen – Von Flüchtlingen für Flüchtlinge“, die von November 44 bis Dezember 45 in 14 Heften erschien. Ihre Beiträge thematisierten die politische Lage im Exil wie in Deutschland und reflektierten die gegenwärtigen Zustände und dachten permanent über die Zeit nach dem Fall des Nazisystems nach. Im Exilland, einem schönen, wohlhabenden Land, auf Dauer zu bleiben, kam kaum einem auf dem Floß der Medusa in den Sinn.

Es berührt mich, wenn Sie mir diese Zwischenbemerkung erlauben, etwas eigenartig, wenn man in Deutschland gegenwärtig davon auszugehen scheint, dass jeder, der hier Aufnahme findet, auf Dauer auch hierbleiben möchte. So, als ob man nicht die „Heimat an den Fußsohlen mitnehme“ (H.Heine), als ob nicht auch  eine Existenz als „Weiterwanderer – Rückwanderer“ denkbar sei. Neben den Rückkehrplänen im Moment der Stunde X stand ein Thema, ein Wunsch immer wieder im Zentrum der deutschen Exilanten in der Schweiz: Das Thema, das brennende Verlangen nach Eigenverantwortlichkeit. Dazu Mayer in „Was haben wir gelernt?“ (44):

„Als ‚Objekte‘ sind wir, oder die meisten von uns, aus nicht weltanschaulichen Gründen ins Exil gegangen oder hinausgestoßen worden. Aber wir wollten unsere Immigration nicht mehr als Objekte beenden, sondern als bewusste Menschen.“

Handeln, nicht Abwarten, Aussitzen war die Devise von nun an. Man erhoffte sich eine veritable Wiedergeburt, an der man selbst aktiven Anteil hatte.

Nicht wir, wohl aber viele der Geflüchteten im Deutschland von heute dürften ganz ähnliche Grundüberlegungen haben, und es wäre ein Zeichen unserer Lernfähigkeit, wenn man sich im Stil von Hans Mayer und seinen Kameraden mal die Mühe machte, die Fragen wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen:

„Wir wollen gebraucht werden und was tun und wer sein,“ sagte mir vor kurzem ein Syrer, der seit fünf Monaten hier rumhängt. Im Geleitwort der Zeitschrift „Über die Grenzen“ von 1944 heißt es:

„Unser Leben ist vorgezeichnet, aber wir sehnen uns danach, nicht mehr Gegenstand von Verfügungen und Wohltätigkeit zu sein. Wir wollen für eine bessere Zukunft marschieren, nicht vorweg, aber auch nicht hintendrein, tatbereit mit offenen Augen.“

Alternativen für Deutschland im Kampf gegen rechts hatte ich im Titel großspurig versprochen. Ich will versuchen, das Versprechen einzulösen – ohne pompösen „möge“-Gestus.

Die nüchterne Bestandsaufnahme ergibt, dass dieser Kampf inmitten nicht ganz einfacher Gefechtslage stattfindet. Die Situation scheint auf den ersten Blick klar – ist aber vor?? faktisch diffus.

Vor einigen Wochen fand einen Steinwurf von hier eine gespenstische Veranstaltung statt, in der zwei Bürgermeister, einer von den Grünen, einer aus den Reihen der SPD, sich zu Sprechern eine Reihe von Positionen machten, die man reflexartig eher bei der AfD verorten würde. Noch merkwürdiger: 400 Tübinger Bürger hielten andächtig Maulaffen feil, blieben still und lauschten. Dies in einer Kommune, in der üblicherweise permanent Widerspruch an der Tagesordnung ist. Was war geschehen? Ist alles nur eine Verpackungsfrage: Drischt Gauland verbal auf Migranten, erregen sich die Gemüter. Aber wenn larmoyante Märtyrer der Wahrheit auf den Plan treten, sind alle betroffen. Der weiß, wovon er redet. Der hat den Mut anzusprechen, was sonst keiner sagt usw. Was soll diese rhetorische Winselei? Lassen wir uns dadurch wirklich blenden? Von diesen selbst ernannten „Sprechern“ einer stummen Mehrheit?

In jeder Diskussion kommt nachher irgendjemand und erklärt mir mit Brio in der Stimme, ob ich eigentlich wüsste, wie es „draußen“ zugeht. Ob das der Herr Professor in seinem Elfenbeinturm wüsste… Wutschäumend. Erregt. Ich finde diese neue deutsche Weinerlichkeit widerlich. Man bekommt den Eindruck vermittelt, „blonde deutsche Töchter“ könnten auch in Tübingen kaum mehr über die Straße gehen, ohne von dunkelhäutigen Araberrudeln verfolgt zu werden. Und das Besteigen einer S-Bahn wird nachgerade zum Hochsicherheitsrisiko – jedenfalls, wenn profilorientierte Politiker ihr Handy in Position bringen. Von wegen: „Wir schaffen das.“ Hallo! Wir haben es schon längst geschafft! Betten in Auffanglagern stehen leer – abkassiert wird weiter. Und: Das Abendland ist allem Anschein nach nicht untergegangen. Es ist ausgesprochen wohltuend, inmitten der aufgeregten Streitatmosphäre eine gleichermaßen kompetente wie differenzierende Stimme wie die des Reutlinger Polizeipräsidenten Alexander Pick zu hören, der sich von der allgemeinen Panikmache nicht angstecken lässt und die Dinge  zurechtrückt. Die Zahl der Delikte hat sich entgegen der landläufig verbreiteten Meinung durch Zuzug und Migration im Verlauf der letzten Jahre nicht dramatisch gesteigert. Die meisten der Delikte bewegen sich im Bereich der Kleinkriminalität. Interessante Ergebnisse – freilich nicht für jene, die sich vorwiegend für politische Scharfmacherei interessieren.

Deutschland gibt’s, scheint es, auch noch. Deutsche Werte füllen ganze Bücherwände. Heimattage ohne Ende. Es wird spekuliert, konsumiert, gefeiert. Weihnachten beginnt im September, es ist alles wie immer. Der DAX geht nach wie vor auf Rallye. Und doch: Etwas hat sich geändert: Die AfD-Leute pöbeln im Bundestag. Die Demokratie hat jetzt eine Blessur. Der Abfall dieser ideologischen Schlammschlacht – den gibt’s noch. Wenn es eine Bedrohung demokratischer Werte gibt: Dort ist sie zu lokalisieren!

Bei Gauland und Höcke mit ihren abstrusen Geschichtsthesen, die kein Gymnasiallehrer in dieser Inkompetenz auch nur eine Unterrichtseinheit lang so bringen dürfte.

Euch allen, liebe Freunde, brauche ich nicht zu erklären, welch gewaltsame Verbiegung und Verdrehung geschichtlicher Fakten hier gerade vor sich geht,  weil Sie das alles schon einmal miterleben durften. Damals waren halt jüdische Menschen, übrigens voll integrierte (!) jüdische Menschen, diejenigen, die angeblich das deutsche Volk unterwanderten und „auszulöschen“ drohten. Millionen skrupelloser Juden – – es waren gerade mal 400.000… Die allermeisten alles andere als aggressiv, sondern froh wenn sie nicht auffielen. Kurz, ich warne vor den angeblichen Realisten, die andere in die Ecke der naiven Idealisten stellen!

Aber ich warne andererseits auch davor, den vorhandenen Rassismus nur am rechten Rand zu suchen und das Phänomen weit von uns zu weisen.

Verdeckte Rassisten: Es war eben doch kein Zufall, dass Sarrazin und Co. vor Jahren solch einen immensen Erfolg hatten. Im urbanen Setting der Wissenschaft, der Künste liebt man Inter- und Transkulturelles . Symbolische Aktionen sind hoch erwünscht und wohlfeil. Der Kuschelkurs endet, wenn’s konkret wird. Es hat keinen Sinn, dieses Erbe  negieren zu wollen.

Fakt ist ein 2000-jähriges kulturelles Erbe, das nichts von kultureller Vermischung, Synkretismus, Hybridität, Verschmelzung der Kulturen wissen will. Höchstens wenn man vor der Alhambra steht oder – ausgerechnet – von der deutsch-jüdischen Symbiose schwadroniert. Also wenn keine Gefahr mehr droht. Sobald es konkret wird, ist Schluss mit Kirchentagsvisionen. Die Literatur macht uns nichts vor, sondern bringt die Fakten  auf den Punkt.

Durchaus auch in uns allen vertrauten, sog. „klassischen“ Texten. Wie in Shakespeares Othello, wo wir beobachten können, wie ein überaus erfolgreicher, voll integrierter General im Dienste der Republik Venedig, in der Wahrnehmung und im Urteil der Öffentlichkeit innerhalb weniger Stunden zum „Mohren“, Dämon, Hexer und Feind mutiert, nachdem offenbar geworden ist, dass er die Tochter aus einem angesehenen Hause ehelichen will. Die Alarmglocken schlagen offenbar in dem Moment an, in dem Gefahr im Verzug ist, was die „Reinheit der Rasse“ betrifft.

Oder in Lessings Nathan der Weise, wo Versöhnungsrituale im Sinne von Toleranz und Dialog geradezu  exemplarisch vorgeführt werden, bevor ein Missverstehen im Kontext einer geplanten Ehe die Situation kippen lässt und aus Integration der Vorwurf der Tarnung wird: „Der jüdsche Wolf ist entdeckt!“

Oder in Kleists Erzählung Die Verlobung in Santo Domingo, wo der gutgläubige Protagonist sich täuschen lässt und  nicht zögert, seine mulattische Geliebte, die er als Betrügerin zu entlarven glaubt, zu erstechen.

Und ich warne davor, die Sprache einfach so drauf losspringen zu lassen, mit der schärfsten Waffe einfach so herumzufuchteln – gerade in verantwortungsvoller Position. Noch immer, im Medienzeitalter von Twitter und Facebook mehr denn je, gelten die Einsichten Victor Klemperers in seinem Essay über LTI, die Sprache des dritten Reichs:

„Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewusster ich mich ihr überlasse. Und wenn nun die (…) Sprache aus giftigen Elementen gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist? Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft: fanatisch sagt, glaubt er  schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein.“

Ein Teil des Kampfes gegen Rechts gilt der Rechten. Ein anderer Teil dieses Kampfes aber richtet sich notwendigerweise gegen etwas in uns selbst! – Und daran sollten wir nicht vorbeischauen, sondern diesen Reflex bearbeiten! Und versuchen, ihn zu domestizieren, statt ihn durch Bilder und Worte unbedacht oder vorsätzlich zu stimulieren,

Und wenn wir schon gerade bei den Problemzonen sind, sei eine weitere genannt, – eine grundsätzliche und  gravierende:

Das demokratische System hat eine Achillesverse, eine Schwachstelle, die es extrem verletzlich macht. Das ist seine strikte Rechtsstaatlichkeit.

Sie werden sich sagen, ich überziehe. Dennoch – Fakt ist, dass im Kampf gegen Rechts die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit bisweilen zumindest irritieren:  Wir müssen den Gegner zu Wort kommen lassen, wir müssen ihm Raum geben. Müssen bisweilen mehr als berechtigte Gefühle unterdrücken. Wir wissen das. Und wissen zudem, dass der Gegner, sei es die AfD, sei es der radikale Islam, gleichfalls von dieser Schwäche weiß – und mit ihr strategisch spielt.

So kommt es zu einer gravierenden Asymmetrie der Kampfmittel, der wir nur schwerlich entkommen können, ohne uns selbst in den Rücken zu fallen.

Ich wage es nicht, hier und heute ein Patentrezept, wie man diesem Dilemma entgehen könnte, in den Raum zu stellen. Es ist ein zu heikler Punkt, um ihn vorschnell abzuhaken. Und die Abwägung zwischen dem Anschein der Schwäche und der Selbstsicherheit, dennoch das einzig Richtige zu tun, ist ein mehr als schwieriger Balanceakt. Ist eine Frage um Sein oder Nicht-Sein.

Wenn wir schon soweit sind, gehen wir noch einen Schritt weiter:

Wenn wir uns dazu entscheiden sollten, unsere Werte zu verteidigen, sollten wir wissen, um welche es sich handelt. Und den Mund nicht zu voll nehmen. Toleranz – Freiheit – – ?

Machen Sie die Probe aufs Exempel und hören sie Politiker gleich welcher parteilichen Provenienz zu: In neun von zehn Fällen wird er im Tonfall bemühter Gediegenheit von der existenziellen Wichtigkeit reden, jetzt, gerade jetzt für die „europäischen Werte“ einzustehen. Sie warten möglicherweise einen winzigen Augenblick darauf, nun auch noch zu erfahren, woran der oder die Sprechende dabei konkret denkt. Oder nein, Sie warten nicht, denn Sie wissen längst – es kommt nichts. Allenfalls nuschelt jemand noch etwas von freier Meinungsäußerung, Rechtsstaat oder Bürgergesellschaft. Er tut dies fast schon im Abdrehen, als wäre es eine lästige Fußnote, ein unnötiger Appendix. Alles ist tausendmal wiederholt, redundant bis auf die Knochen.

In ein paar Jahrzehnten wird man über diesen letzten spürbar angestrengten Versuch, die Neugeburt Europas aus dem Geist des Aufbäumen gegen die Tyrannei Trumps womöglich nachsichtig lächeln. Fakt ist: Wir wissen selbst nicht mehr, was wir meinen, wenn wir von Werten reden. Wir haben keine Werte mehr, weil wir sie mehrfach bis zur Unkenntlichkeit verraten haben, sei es in den KZ’s der Nazis, sei es in dem GULAG der  Stalinisten– alles auf der Grundlage von Ideologien made in Europe. Aber man muss gar nicht die Nazikeule schwingen. Es genügt der Blick in den Rückspiegel der jüngeren Geschichte. Denken wir nur an Srebenica. Oder an die anhaltende, also verstetigte Flüchtlingskrise der vergangenen Jahre, wo auch keine auch nur halbwegs gemeinsame europäische Haltung festzustellen war, was die Kernfragen betrifft.

Europäische Werte in Europa? Nüchtern betrachtet bleibt nicht sehr viel mehr als der verachtete Euro, bürokratischer Standardisierungswahn, Konsumismus. Sobald ein halbwegs ernstes Problem auftaucht, machen wir einen  Rückzieher. Den Katalanien-Konflikt sieht Europa als eine „innerspanische Angelegenheit“, im Fall der Ukraine, der Krim, der Türkei begnügen wir uns weitgehend mit Protestnoten.

Nein, Werte haben wir wirklich keine mehr anzubieten, dafür eine gut funktionierende Rhetorik der Wertebehauptung. Wir fabulieren uns ein ums andere Mal einen inexistenten Wertekosmos zusammen und nisten uns in ihm ein. Die europäischen Werte stehen für semantisches Leergut, für Wertevakuum pur. Die sinnfreie Formulierung zeigt, dass kein Europäer selbst mehr an das glaubt, was er sagt. Unsere symbolisch-hilflosen Trauergesten nach jedem neuen „heimtückisch-feigen Anschlag“ sagen alles. Wenn wir wieder mehr an uns glauben, wird man uns auch wieder mehr glauben.

Zurück zum Hier und Jetzt: „Was kann man tun, um der Alternative gegen Deutschland“ (wie die Partei richtig heißen müsste) Alternativen für Deutschland und Europa gegenüberzustellen?

Fluchtursachen bekämpfen! Sicher. Ein Wort, das man derzeit in jeder Nachrichtensendung zigmal hört.

Macht auch Sinn – auch wenn man zugleich weiß, dass man sich hoffnungslos übernimmt. Und auch nicht genau weiß, was man will.

Da hatten es die Kolonisatoren leichter: Die wussten, was sie wollten: Land. Sklaven. Gold. Elfenbein.

Vielleicht wäre es die größte Hilfe für Afrika, wenn der Westen und der Osten den Kontinent ausnahmsweise mal für ein paar Jahrzehnte in Frieden ließe. Nichts für ihn, nichts von ihm wollte. Undenkbar. Richtig. Undenkbar. Warum eigentlich? Ach ja: Globalisierung – wie konnte ich das vergessen. Im Ernst, ich wollte heute nicht von dieser Art von Fluchtursachen sprechen. Sondern einer lokaleren: Die Flucht innerhalb Deutschlands: Der Flucht vor  sozialer Ausgrenzung, die  so viele in Richtung Pegida in Bewegung setzt. Wenn wir von dieser Art von Fluchtursachen, die auch eine Fahnenflucht  vor der Demokratie  beinhaltet, sprechen wollen – und ich meine wir sollten es – müssen wir den Fakten ins Gesicht sehen. Wie heißen die Fakten? Wie heißt unser oberster, gottgleich gehandelter Wert, für den der Name des mit Abstand beliebtesten deutschen Politiker steht – nun: Meinungsfreiheit? Gerechtigkeit? Solidarität? Aber nein, er heißt  „Schwarze Null“.

In Mekka verehrt und umkreist man den Schwarzen Stein. Hierzulande betet man parasakral die schwarze Null an.

Wenn dem nicht so wäre, könnte man dem Land mit den angesparten Steuermilliarden ein alternatives Sozialprogramm gönnen, dass den Neid- und Missgunst-Reflex der Abgehängten lindern, wenn nicht kurieren könnte.

  • Insbesondere die Leute, die jetzt noch schwankend in der zweiten Reihe stehen – unsicher ob sie mitgrölen sollen oder zurückfinden wollen
  • Oder sich aufs Dümmlichste provozieren lassen sollen, B. in dem man ihnen im Ruhrpott ihren Schrebergarten wegnimmt, um ausgerechnet dort ein Flüchtlingsheim zu platzieren.

Es gilt jetzt Konzepte zu entwickeln, um schrecklich entvölkerte Gebiete in Ostdeutschland wieder aufzuforsten. Kulturell blühende Landschaften zu schaffen, vielleicht wie seinerzeit mit den Hugenotten. Experimente zu wagen. Phantasie in Gang zu setzen. Paragraphen, die im Weg stehen, auszulöschen.

Kampf gegen rechts heißt auch Kampf gegen die eigene Unbeweglichkeit im Kopf.

In unseren Köpfen. Und in denen der Geflohenen: Im Container gehalten werden auch die dumm und böse.

Ach, es gäbe so viele Alternativen zur Alternative. Bitte lassen Sie uns nicht gerade auf die dämlichste und durchschaubarste Variante hereinfallen!

Könnten wir sie zumindest ein wenig ignorieren? Nicht auf jeden gedanklichen Furz alarmiert reagieren?

Könnten wir sie nicht einfach mal auslachen, rauslachen, wenn einer oder eine von ihnen wieder den empörten Märtyrer oder ? Volksvertreter mimt?

Und uns ganz darauf konzentrieren, den säkularen, demokratischen, Sozialstaat, als der wir einmal angetreten sind, auszubauen und zu verwirklichen.

Einen Staat, eine Republik, die sich weder  als Appendix der Religionen noch der Wirtschaft versteht.

Und der akzeptiert, dass er nicht nur Einwanderungsland, sondern auch Durchzugsraum ist – wie ganz Europa es seit je war!

Grenzen stehen dem nur im Weg und können, wie die Erfahrung gelehrt hat, mittelfristig nichts bewirken.

Mithin eine Republik, die auf sich hält und sich nicht von Ländern, politischen Hochstaplern und Falschspielern verunsichern lässt – koste es was es wolle. Ja. Koste es was es wolle!

Und die zu allererst über sich selbst nachdenkt. Nicht ein „make Germany great again“ ist die Devise der Stunde, sondern allenfalls ein „make Germany more clever than ever.

Hölderlin sagt es sehr viel besser und genauer, bereits 1801:

„Das Eigene will genauso gelernt sein wie das Fremde!“

Integrationskurse für  uns selbst – keine schlechte Sache!

jw

Wertheimer Alternative

Jubiläum am historischen Ort mit Genehmigung von Monica Brana

Die AfD pöbelt heute im Bundestag …

 

 

 

 

 

 

Landesdelegiertenkonferenz der VVN-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten:

11. November 2016

Antifaschismus bleibt tägliche Aufgabe!

Unter diesem Motto fand am Wochenende die 41. Landesdelegiertenkonferenz der VVN- Bund der
Antifaschistinnen und Antifaschisten in Esslingen statt. Die Organisation, die 1947 von
überlebenden Widerstandskämpfern und Opfern der Naziverfolgung gegründet wurde, bereitet
sich auf dieser Konferenz auf ihr 70. Gründungsjahr 2017 vor.
So sind u.a. Veranstaltungen in den drei Städten Freiburg, Stuttgart und Tübingen geplant, in
denen entsprechend der damaligen Zoneneinteilung Landesverbände der Vereinigung der
Verfolgten des Naziregimes gegründet wurden.

Ein Höhepunkt der Konferenz war die Verleihung des Alfred-Hausser-Preises an den Verein
„Geraubte Kinder – vergessene Opfer“, der das Schicksal von Kindern erforscht und dokumentiert,
die von den Nazis in den besetzten Ländern geraubt und in Deutschland Zwangs“germanisiert“
wurden. Mit dem 80-jährigen Hermann Lüdeking nahm eines der betroffenen Opfer dieses bis
heute kaum wahrgenommenen und entschädigungslos gebliebenen Unrechts an der
Preisverleihung teil. Der nach dem Widerstandskämpfer und späteren Ehrenvorsitzenden
benannte Preis wird alle zwei Jahre für Beiträge zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte
der Opfer und des Widerstandes gegen den Faschismus ausgeschrieben und verliehen.

In einer einstimmig beschlossenen, an Bundesregierung und Bundestag gerichteten Resolution
forderten die Delegierten, für eine angemessene Entschädigungsregelung zu sorgen.
Mit der aktuellen Herausforderung durch die Wahlerfolge der AfD befasste sich das Gastreferat
des Hamburger Sozialwissenschaftlers Richard Detje, das die Delegierten aufmerksam verfolgten.
Die dem Referat folgende spannende Diskussion schlug sich in einem ebenfalls einstimmig
beschlossenen Antrag „Rassismus und menschenverachtenden Populismus zurückweisen“
nieder.

Dass die VVN-BdA auch für das 70. Jahr ihrer bis heute so notwendigen antifaschistischen Arbeit
gut vorbereitet ist, zeigte das Ergebnis der turnusmäßig erfolgten Wahlen: Mit Ilse Kestin, Janka
Kluge, Lilo Rademacher und Silvia Schulze stehen künftig gleich vier
Frauen als gleichberechtigte Landessprecherinnen an der Spitze des
baden-württembergischen Landesverbands dieser antifaschistischen
Vereinigung.

(Dieter Lachenmayer)

NO PASARAN – EINE GESCHICHTE VON MENSCHEN, DIE GEGEN DEN FASCHISCHMUS GEKÄMPFT HABEN

6. März 2016

Film/Gespräch

Freitag, 11.03.2016 – 20:15 Uhr

Lichtspiele Mössingen, Höfgasse 12  72116 Mössingen

Film und Diskussion mit dem Regisseur Daniel Burkholz „Wofür habt ihr gekämpft?“ Diese Frage lässt den 96-jährigen Österreicher Gerhard Hoffmann sehr nachdenklich werden: Auf einer Reise quer durch Europa , zu den letzten ZeitzeugInnen, die im Spanischen Bürgerkrieg und im Zweiten Weltkrieg gegen den Faschismus gekämpft haben , macht sich  “ NO PASARAN“ auf die Suche nach Antworten. Im Zentrum dieses multinationalen Dokumentarfilms stehen die Lebenswege und persönlichen Schicksale Gerhard Hoffmann (Österreich), Rosario Sanchez Mora (Spanien) ,Herman Scherboom (Niederlande), Kurt Julius Goldstein (Deutschland), der Brüder Joseph und Vincent Almudever /Frankreich) und von Giovanni Pesce und seiner Frau Onorina Brambilla Pesce (Italien). Als sie sich als Freiwillige gemeldet haben waren  sie in der Mehrzahl noch Jugendliche. Doch keiner von ihnen hatte damit gerechnet, erst nach einer oft 10-jährigen Odyssee über die Schlachtfelder Europas und durch Konzentrations- und Vernichtungslager nach Hause zurückzukehren. Die ZeitzeugInnen erzählen ohne Pathos, aber eindrucksvoll und bewegend, von ihren Erlebnissen und Erfahrungen. Sie berichten aus der Perspektive von Menschen, die in den Strudel epochaler Ereignisse, für deren Anlässe und Bedingungen sie nicht verantwortlich waren, hineingezogen wurden.

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