Die EU-Länder sollen neofaschistische und neonazistische Gruppen verbieten.

3. November 2018

Das Europäische Parlament ist besorgt über die zunehmende Normalisierung von Faschismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Die EU-Länder sollen neofaschistische und neonazistische Gruppen verbieten.

In einer Entschließung, die mit 355 Stimmen bei 90 Gegenstimmen und 39 Enthaltungen angenommen wurde, beklagen die Abgeordneten, dass der gegenwärtige Anstieg der Fremdenfeindlichkeit in Europa dadurch ermöglicht wurde, dass man keine entschiedenen Maßnahmen gegen neofaschistische und neonazistische Gruppierungen ergriffen hat.

Der Text erwähnt die Anschläge in Norwegen vom 22. Juli 2011, bei denen 77 Menschen getötet und 151 weitere verletzt wurden, den Mord an der britischen Parlamentsabgeordneten Jo Cox am 16. Juni 2016 und den Angriff auf die Europaabgeordnete Eleonora Forenza. Er nennt faschistische Vorfälle in Polen, Griechenland, Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien Litauen und den nordischen Ländern.

Die Abgeordneten betonen, dass die Straflosigkeit, mit der rechtsextreme Organisationen in einigen Mitgliedstaaten agieren, zu den Gründen für den Anstieg von Gewalttaten gehört, die die gesamte Gesellschaft in Mitleidenschaft zieht, und die sich gezielt gegen bestimmte Minderheiten wie dunkelhäutige Europäer, Menschen afrikanischer Abstammung, Juden, Muslime, Roma, Drittstaatsangehörige, Angehörige der LGBTI-Minderheit und Menschen mit Behinderungen richtet.
Sie fordern die Mitgliedstaaten auf, eigens Polizeieinheiten zur Bekämpfung von Hassverbrechen einzurichten, um zu gewährleisten, dass diese Verbrechen untersucht und strafrechtlich verfolgt werden. Sie drängen zudem die Mitgliedstaaten dazu, dafür zu sorgen, neofaschistische und neonazistische Gruppierungen und jegliche sonstige Stiftung oder Vereinigung, die den Nationalsozialismus und Faschismus verherrlicht, „wirksam zu verbieten“.
Besorgt über Berichte über Absprachen zwischen führenden Politikern, politischen Parteien und Strafverfolgungsbehörden mit Neofaschisten und Neonazis in einigen Mitgliedstaaten, fordert das Parlament die Mitgliedstaaten auf, Hassverbrechen, Hetze und ungerechtfertigte Schuldzuweisungen durch Politiker und Amtsträger auf allen Ebenen und in allen Mediengattungen “nachdrücklich zu verurteilen und zu sanktionieren”, da diese Hass und Gewalt in der Gesellschaft hoffähig machen und weiter verstärken.
Die Abgeordneten fordern zudem die Kommission, die Mitgliedstaaten und die Unternehmen der sozialen Medien auf, der Verbreitung von Rassismus, Faschismus und Fremdenfeindlichkeit im Internet entgegenzuwirken.

Faschistische Verbrechen aus der Vergangenheit sollten klar abgelehnt werden. Die Mitgliedstaaten werden aufgefordert, alle Formen der Leugnung des Holocaust, einschließlich der Bagatellisierung und Verharmlosung der von den Nazis und ihren Kollaborateuren begangenen Verbrechen, zu verurteilen und dagegen vorzugehen.

Die Entschließung fordert die Mitgliedstaaten und die nationalen Sportverbände, insbesondere die Fußballvereine, auf, der Geißel des Rassismus, des Faschismus und der Fremdenfeindlichkeit in den Stadien und der Kultur des Sports entgegenzuwirken, indem sie die Verantwortlichen verurteilen und bestrafen und in Zusammenarbeit mit Schulen und den zuständigen Organisationen der Zivilgesellschaft positive Bildungsangebote für junge Fans fördern.

Die EU-Länder sollten „Aussteigerprogramme“ auflegen, um Menschen dabei zu helfen, militante neofaschistische und neonazistische Gruppierungen zu verlassen. Die Abgeordneten weisen darauf hin, dass fundierte Geschichtskenntnisse eine der Grundvoraussetzungen für die Verhinderung künftiger Verbrechen dieser Art sind und bei den Bildungsanstrengungen für die jüngere Generation eine wichtige Rolle spielen.

Die FIR unterstützt alle Bestrebungen von parlamentarischen und außerparlamentarischen Gruppen und Kräften, neofaschistische und neonazistische Gruppen zu verbieten und die Gefahr extrem rechter bestrebungen in Europa einzudämmen.

Das Europäische Parlament ist besorgt über die zunehmende Normalisierung von Faschismus

 

 

Ein deutschbaltischer Jurist und SS-Mörder

1. November 2018

Erhard Kroeger. Ein deutschbaltischer Jurist und SS-Mörder Vortrag von Dr. Matthias Schröder, Münster.

Mittwoch, 14.November 2018, 19 Uhr, Gemeindehaus Lamm, Am Markt 7

Erhard Kroeger studierte 1922/23 zwei Semester in Tübingen. 1939 bis 1940 leitete der junge Jurist und Führer der nationalsozialistischen Bewegung in Lettland die Umsiedlung von etwa 70.000 Deutschbalten in das von der Wehrmacht besetzte polnische „Wartheland“. Seine Darstellung der „Umvolkung“ erschien 1967 in einem rechtsextremen Tübinger Verlag. Ab 1941 war Kroeger Führer eines SS-Einsatzkommandos. Später arbeitete er im SS-Hauptamt, zuletzt im Verbindungsstab zur russischen„Wlassow-Armee“, die in Münsingen aufgestellt wurde.

Seit Mitte der 1950er Jahre lebte der vormalige SS-Standartenführer in Tübingen, wo er auch starb. Er leitete im Internationalen Bund/Jugendsozialwerk, einem in Tübingen entstandenen Resozialisierungs- und Integrationsprojekt für ehemalige HJ-Angehörige, die Referate „Finanzen-Behörden-Recht“ sowie „Kontakte zur Wirtschaft“. 1962 wurde er verhaftet und 1969 in einem Schwurgerichtsprozess in Tübingen wegen „tateinheitlich begangenen Morden in 90 Fällen“ (Juden und Polen) zu einer Zuchthausstrafe verurteilt.

Dr. phil. Matthias Schröder wird die Biografien von Erhard Kroeger und anderen vorstellen.

Eine Veranstaltung des Vereins Lern- und Dokumentationszentrums zum Nationalsozialismus und der Geschichtswerkstatt in Kooperation mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/BdA

 

Ein Gespräch mit Heidi und Heinz Hummler

1. November 2018

Jugend im Krieg und Faschismus

Ein Gespräch mit Heidi und Heinz Hummler

Montag 26.November 2018, 19 Uhr

Club Voltaire, Haaggasse 26b Tübingen

 

Heidi Hummler arbeitete nach 1945 im Rahmen ihrer Tätigkeit bei der

Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes mit an der Aufklärung von

NS-Verbrechen in Baden-Württemberg.

Der Vater von Heinz, Anton Hummler gründete in Stuttgart eine

antifaschistische Widerstandsgruppe. Er wurde verhaftet, zum Tode

verurteilt und 1944 hingerichtet.

Beide traten auch nach 1945 gegen Wiederaufrüstung und Rechtsentwicklung

ein und sind bis heute in der VVN-BdA aktiv.

Als Zeitzeugen berichten sie über den Kampf für Frieden und Demokratie

im Faschismus und in der Bundesrepublik und geben ihre Erfahrungen und

Schlussfolgerungen für die heutigen Auseinandersetzungen weiter.

 

Eine Veranstaltung der Antifaschistischen Aktion (Aufbau) Tübingen und

der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der

Antifaschistinnen und Antifaschisten VVN-BdA Tübingen-Mössingen

Jugend und Krieg im Faschismus

 

Gedenkfeier der VVN-BdA Reutlingen

1. November 2018

Einladung der VVN-BdA Reutlingen zur:

 

diesjährigen Gedenkfeier

für die Opfer des Nationalsozialismus

und der braunen Gewaltherrschaft

am Totensonntag,

25.November 2018, 10:00 Uhr,

 vor dem Mahnmal

Friedhof Unter den Linden, Reutlingen,

 

wiederum mit Gelegenheit zu Grußworten sowie für das Niederlegen von Gebinden am Mahnmal durch teilnehmende Organisationen, Verbände etc.

Die Toten mahnen die Lebenden:

 Gegen das Vergessen!

Beteiligen wir uns am Gedenktag 2018 gegen

Neonazismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Krieg!

Dieses Jahr erstmals laden wir alle Teilnehmer außerdem herzlich ein zu einem

anschließenden Beisammensein und Gedankenaustausch in das Reutlinger

Wahlkreisbüro MdB Jessica Tatti, Karlstraße 16, Gebäude Volksbank Ecke Gartenstraße,

Eingang von Karlsplatz her rechts über die Mauerstraße.

Mit dem Wunsch auf rege Beteiligung grüßt kameradschaftlich

der Vorstand VVN/BdA

Kreisvereinigung Reutlingen

VVN_Einladung_2018_Gedenkfeier

                                                               

 

Samstag 3.2.2018 in Mössingen

31. Januar 2018

Samstag 3.2.2018 in Mössingen

Historischer Stadtspaziergang auf den Spuren des Generalstreiks

mit dem Journalisten Jürgen Jonas

Treffpunkt  11 Uhr Langgass-Halle

 

Kundgebung in Erinnerung an den Mössinger Generalstreik

13 Uhr  Jakob-Stotz-Platz  Mössingen

 

Veranstalter:

Antifaschistische Aktion (Aufbau) Tübingen

VVN-BdA Tübingen-Mössingen

 

Unterstützer*innen: DGB AK Tübingen, GEW Reutlingen-Tübingen,

List-Linke im Steinlachtal

https://multimedia.hd-campus.tv/mossinger-generalstreik#244

https://hdcampus.ub.uni-freiburg.de/ein-dorf-gegen-hitler/

85 Jahre Mössinger Generalstreik

29. Januar 2018

85 Jahre Mössinger Generalstreik

  

Veranstaltungen zum 85.Jahrestag des Mössinger Generalstreiks

Dienstag 30.1. 2018 „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“
Film und Diskussion zum Mössinger Generalstreik 1933

20 Uhr Club Voltaire Tübingen, Haaggasse 26b

Im gleichnamigen Film von 1983 kommen Zeitzeugen und Teilnehmer des Mössinger Generalstreiks zu Wort, die sich 1933 in einer in ganz Deutschland einmaligen Aktion gegen die Machtübergabe an Hitler zur Wehr setzten.
Es werden Ausschnitte aus dem Film gezeigt mit anschließender Diskussion über die historischen Ereignisse und die Konsequenzen für die antifaschistische Arbeit heute.

Samstag 3.2.2018 in Mössingen

Historischer Stadtspaziergang auf den Spuren des Generalstreiks

mit dem Journalisten Jürgen Jonas

Treffpunkt  11 Uhr Langgass-Halle

 

Kundgebung in Erinnerung an den Mössinger Generalstreik

13 Uhr  Jakob-Stotz-Platz  Mössingen

Veranstalter:

Antifaschistische Aktion (Aufbau) Tübingen

VVN-BdA Tübingen-Mössingen

 

Mössinger Generalstreik 3.2.2018Unterstützer*innen: DGB AK Tübingen, GEW Reutlingen-Tübingen,

List-Linke im Steinlachtal

Rechtspopulismus und Rassismus im Kontext der Fluchtbewegung

13. Dezember 2017

Über die gemeinsame Veranstaltung der VVN-BdA Tübingen-Mössingen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Club Voltaire am 5.12.2018 erschien im Schwäbischen Tagblatt vom 8.12.2017 folgender Bericht:

 

Politische Orientierung Studie mit 176 Auszubildenden auf der Alb: Der Rechtspopulismus
nistet sich ziemlich erfolgreich in den Köpfen ein. Von Wolfgang Albers

Das hat sich schon nach Hardcore-Stammtisch angehört, was Josef Held so gesagt bekam. Dass die Flüchtlinge alles hinten reingeschoben
bekämen. Dass man stolz sei, Deutscher zu sein. Dass Kinder Gehorsam und Achtung gegenüber Autoritäten lernen sollen. Aber Josef Held war nicht
bei den 50-Plus-Bruddlern unterwegs und auch nicht bei der AfD. Es waren Jugendliche, die ihm diese Ansichten diktiert hatten.

Prof. Josef Held ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Tübingen und leitet die Forschungsgruppe für Migration. Diese hat im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung die politische Orientierung von Jugendlichen untersucht. Was dabei herausgekommen ist, berichteten er und sein Team am Dienstagabend im Club Voltaire.

Die Forscher sind auf die Zollernalb gefahren, zu 176 Auszubildenden, sowohl zu denen, die körperlich arbeiten, wie zu denen im Büro. Ziel war es nicht, Rechtsextreme zu suchen und mit einer – möglichst schockierenden – Zahl zurückzukommen. Interessiert hat die Tübinger vielmehr, wie die Jugendlichen auf das Angebot des Rechtspopulismus, das ja zur Zeit reichlich vorhanden ist, reagieren.
Und das Angebot hat sich auch geändert: Ging früher der Rechtsextremismus mit einem geschlossenen Weltbild zum Stimmenfang auf die Dörfer, so gebe sich der Rechtspopulismus politisch offener. Dies ist die Beobachtung von Held, der schon seit Jahrzehnten das rechte Spektrum erforscht: „Der Rechtspopulismus greift Stimmungen auf und bezieht sich auf den Zeitgeist. Und er greift ein politisches Entfremdungsgefühl auf, für das die Zuwanderung ein Symbol ist.“

Und damit ist der Rechtspopulismus sehr erfolgreich: „Auch, weil er eine klarere Lösung als die Linke hat. Er betont das Wir und das Volk. “ Tatsächlich ist rechtspopulistisches Denken auch tief in die Köpfe der Untersuchten eingeflossen. Was jetzt auf den ersten Blick nicht so überrascht – gilt die auch politisch raue Alb doch nicht gerade als linksliberale Kaderschmiede.

Überraschend aber ist: Fragt man die Jugendlichen, dann ordnen die sich politisch ganz in der Mitte ein. Ihre Eltern bezeichnen sie sogar als links. Und Rechte sehen sie auch: Das ist ihr Umfeld. Nur sie seien stabil in der Mitte. Für die Tübinger ist das aber eher eine, wie sie das nennen, Mitte-Performance.

Es ist die Abscheu, sich auf Flügeln zu positionieren, es ist der Wunsch nach harmonischer Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Für klassische politische Diskussionen sind diese Jugendlichen nicht zu haben. Und die AfD wird deshalb fast immer abgelehnt. Ein Zitat: „Ja, die sind Nullchecker, und die, die sie gewählt haben, sind auch Nullchecker. Irgendwelche As… äh, arbeitlose Vollidioten, weil man die NPD halt nicht mehr wählen kann.“

Der Punkt Rassismus scheint dem zu entsprechen. Nur 16 Prozent zeigen eine einschlägige Orientierung. Bei den anderen hat Held beobachtet: „Sobald sie merken, dass es in Richtung Rassismus gehen könnte, schauen sie, dass sie nicht in diese Falle tappen.“ Allerdings hat Held verdeckte
rassistische Tendenzen ausgemacht: „41 Prozent lehnen den Islam in Deutschland ab.“

Diese Doppelbödigkeit macht er auch bei der Haltung gegenüber Flüchtlingen aus. Die Jugendlichen haben nichts gegen Flüchtlinge – sofern sie vor Krieg geflohen sind. Was sie ablehnen, sind Wirtschaftsflüchtlinge. Nur: „Wenn man genau hinguckt, sehen die Jugendlichen fast nur Wirtschaftsflüchtlinge.“

Hoch sind die Werte für nationalistische Orientierung und autoritäre Orientierung – 84 und 83 Prozent. Was eben heißt: Im Gegensatz zu ihrer Selbsteinschätzung sind die Jugendlichen schon ziemlich nach rechts abgedriftet. Übrigens unabhängig von sozialer Lage, Bildung, Geschlecht. Auch hier zeigt sich der Trend zum Konsens. Der dann auch die Übernahme rechtspopulistischer Ansichten erleichtert: „Man will das sagen, was alle sagen – weil der Rechtspopulismus schon angekommen ist bei den Leuten.“
Was tun? Nicht den Moralischen spielen, rät Held. Eine beliebte Strategie in der Politstrategie, nütze aber gar nichts. Ein Hinweis gibt eine Paralleluntersuchung bei Gewerkschaftsjugendlichen. Die waren viel immuner gegen rechtspopulistische Übernahmen. Organisiertes Engagement helfe und könne zur Umorientierung beitragen, sagen die Forscher. Und: Bildungsangebote auch außerhalb der Schule sollten verstärkt gefördert
werden.

Was aber auf jeden Fall hilft: Erfahrungen mit Fremden machen, statt Gerüchte über sie zu hören. Am gelassensten waren Jugendliche, die Fremde zum Beispiel vom Kicken kannten. Was die Forscher ein Loblied auf die traditionelle Vereinskultur anstimmen ließ: „Die Arbeit von Fußballvereinen ist daher von unschätzbarem Wert.“

StudieRechtspopulismus8.12.2017

Die Studie ist bei der VVN-BdA Tübingen erhältlich oder kann über die Rosa-Luxemburg-Stiftung

bawue@rosalux.de

http://www.rls-bw.de

angefordert werden

70 Jahre VVN Württemberg – Hohenzollern

30. Oktober 2017

Vor 70 Jahren wurde die VVN in Tübingen gegründet.

Wir feiern am 05.11.2017 am historischen Ort Museum Wilhelmstr.3 mit einer Martinee

VVN 70 Jahre TUE 05-11-17

Kundgebung 8.Mai 2017

8. Mai 2017

Die Waffen nieder – Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg

Redebeitrag der VVN-BdA auf der Kundgebung in Tübingen

In ganz Europa wird heute am 8.Mai, dem Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg an den Sieg der Antihitlerkoalition über Nazideutschland und das Ende des 2.Weltkriegs erinnert.

Wir gedenken heute der mehr als 60 Millionen Opfer der faschistischen Herrschaft und ihres Eroberungskriegs.
Der Faschismus ist nicht irgendwie über Deutschland gekommen – im Zusammenspiel von rechten Kräften und den alten Eliten in Militär, Staat und Wirtschaft wurde Hitler die Macht übertragen.
Deshalb rufen wir heute dazu auf: Wehret den Anfängen. Im Sinne der Überlebenden des KZ Buchenwald, die nach der Befreiung den Schwur ablegten, für die Vernichtung des Nazismus mit allen seinen Wurzeln einzutreten und alle Anfänge zu bekämpfen, müssen wir uns heute überall dort entgegen stellen, wo rechte Gewalt und rechtes Gedankengut sich breit machen.

Und das ist inzwischen täglich der Fall, ich nenne hier nur wenige Meldungen der letzten Tage:

-In Rottenburg verbreiten Nazis der Gruppe III.Weg schon seit Wochen ihre Hetze und bedrohen Antifaschistinnen und andere Demokraten. Erst vor einer Woche überfiel ein rechter Schlägertrupp einen Infostand von jungen Antifaschistinnen und Antifaschisten.
Wir lassen uns nicht einschüchtern und stehen auch bei weiteren Aktionen solidarisch an ihrer Seite.

-Die „Welt am Sonntag“ meldete gestern, dass sich die Zahl der bewaffneten Angriffe auf Flüchtlinge im letzten Jahr verdoppelt hat. 750 Schusswaffen befinden sich legal im Besitz von Rechten – nicht bekannt ist die Zahl der illegalen Waffen bei Reichsbürgern und anderen Rechten.

-Vor einigen Tagen hetzte in Reutlingen der AFD-Bundessprecher Jörg Meuthen mit alt bekanntem völkischem Vokabular gegen das sog. Diktat der politischen Korrektheit, also gegen moralisches und respektvolles Verhalten und ebenso wie die NSDAP in den 20er und 30 Jahren, gegen Kartellparteien und Medien. Gleichzeitig versuchen sich die AFD-Abgeordneten im baden-württembergischen Landtag heuchlerisch als Opfer und Biedermeier zu inszenieren, Kritik an und Proteste gegen ihre Politik werden als linksextremistisch verleumdet. Um ihre Gegner zu diffamieren greifen sie zu allen Mitteln und nutzen dabei auch die demokratischen Strukturen, die sie gleichzeitig verhöhnen. Im Stuttgarter Landtag beantragten sie vor kurzem die Überprüfung der Gemeinnützigkeit der VVN-BdA, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, in der sie zu Recht einen aktiven Gegner ihrer demagogischen Politik sehen. Wir erwarten von allen demokratischen Parteien im Landtag, dass sie diese unverschämten Angriffe der AFD entschieden zurückweisen.

Es sind aber leider nicht nur gefährliche Entwicklungen am rechten Rand, die unsere Demokratie gefährden, ihre Wirkungen reichen bis weit in die Mitte unserer Gesellschaft hinein.
Deutlich wurde dies in den letzten Tagen am Skandal um die rechten Umtriebe in der Bundeswehr. Der rechtsradikale Offizier, der sich eine falsche Identität zulegte, Waffen und scharfe Munition in noch unbekanntem Ausmaß gestohlen und Anschläge geplant hatte, ist kein Einzeltäter. Dahinter steht auch nicht nur eine einzelne Nazizelle, inzwischen wissen wir, dass in der Bundeswehr und möglicherweise darüberhinaus ein rechtsradikales Netzwerk besteht. (Auf die Verflechtungen des Verfassungsschutzes mit gewalttätigen rechten Gruppierungen wie dem NSU u.a. kann ich an dieser Stelle nicht näher eingehen.)

Nazisymbole und Wehrmachtsverherrlichung werden in vielen Kasernen offen gepflegt. Wenn Teile des Offizierskorps mit Mitteln der Staatsmacht die Ermordung von Politikern planen, ist dies die Planung eines Staatsstreichs. Wenn Frau von der Leyen jetzt alles aufdecken will, muss sie auch den Auftrag der Bundeswehr in Frage stellen. Das Auftauchen von Neonazis in der Bundeswehr, die heute wieder als Kriegsarmee im Einsatz ist, ist doch kein Wunder. Die Ziele sind die gleichen wie damals, der Feind steht im Osten und die Bundeswehr probt den Einsatz an den russischen Grenzen. Mit ihrer „Sicherheits“-Politik heizt die Bundesregierung die Kriegsgefahr in Europa an.

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg ist die Lehre aus unserer Geschichte.
Dieses Vermächtnis der Überlebenden ist erst erfüllt, wenn wir auch von der Bundeswehr befreit sind!

Gisela Kehrer-Bleicher
VVN-BdA Tübingen

Ansprache für die VVN zur Kundgebung am 1.September 2016, am Antikriegstag

8. September 2016

Für die VVN-BdA spreche ich – für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten. Diese wurde 1945 gegründet, aus dem Vermächtnis der Opfer des Hitler-Faschismus heraus, alles zu tun, dass auf deutschem Boden nie wieder Faschismus gedeihen darf, dass von Deutschland nie wieder Krieg ausgehen darf. Zu dieser Verantwortung steht die VVN-BdA heute wie damals.

Immer wieder wurde die VVN-BdA mit Verbot bedroht und als Anhängsel der KPD bespitzelt. Die KPD wurde wegen ihres konsequenten Kampfes gegen die Remilitarisierung durch das Adenauerregime verboten.

Vor 60 Jahren, am 31.Juli 1956, wurde das Wehrpflichtgesetz der BRD beschlossen. Das war an meinem 25.Geburtstag. Vier Wochen später, am 17.August, wurde die KPD verboten und damit tausende Strafverfahren und Verurteilungen gegen Antifaschisten und Antimilitaristen drastisch durchgezogen. Dieses KPD-Verbot vor 60 Jahren wirkt bis heute sehr nachhaltig. Es bedroht nicht nur die legale DKP, sondern alle, die sich konsequent gegen die fortschreitende Militarisierung im NATO-Bündnis und gegen Rechtsentwicklung zur Wehr setzen. Deshalb die dringende Forderung: KPD-Verbot aufheben und alle Opfer des Kalten Krieges rehabilitieren und entschädigen.

Kurz vor dem KPD-Verbot – am 14.August 1956 – starb Bertolt Brecht.
Bertolt Brecht schreibt im Gedicht

An meine Landsleute

Ihr, die ihr überlebtet in gestorbenen Städten,
habt doch nun endlich mit euch selbst Erbarmen!
Zieht nun in neue Kriege nicht, ihr Armen
als ob die alten nicht gelanget hätten:
ich bitt euch, habet mit euch selbst Erbarmen!

Ihr Kinder, dass sie euch mit Krieg verschonen
müsst ihr um Einsicht eure Eltern bitten.
Sagt laut, ihr wollt nicht in Ruinen wohnen
Und nicht das leiden, was sie selber litten:
Ihr Kinder, dass sie euch mit Krieg verschonen!

Vor der Machtübergabe an Hitler als Reichskanzler schrieb mit großen Buchstaben ein Antifaschist in Mössingen an eine Mauer: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“.
Und nach der Kapitulation des Nazireiches am 8.Mai 1945 war klar: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“
Und heute? Jetzt bin ich 85. Die meisten der Zeitzeugen von damals, die als Antifaschisten und Kriegsgegner bei den Nazis in KZs und Zuchthäusern inhaftiert waren, verstorben. Soweit sie nicht von den Faschisten ermordet wurden.

Manche der Widerstandskämpfer wurden unter Adenauer erneut eingesperrt, weil sie in der Friedens- und „Ohne-uns-Bewegung“ gegen die Wiederaufrüstung und Kriegsgefahr kämpften. Dieser Schandfleck deutscher Geschichte muss endlich gesäubert werden, statt in immer neue Kriege für die Superprofite des Monopol- und Rüstungskapitals zu ziehen.

Heute wird beklagt, dass bei Erdbeben (in Italien) Städte und Dörfer zerstört werden und hunderte Menschen ihr Leben lassen müssten. Reicht denn dieses Elend nicht? Warum werden dazu noch in Kriegen Menschen obdachlos gebombt und in die Flucht getrieben? Es gäbe doch genug Arbeit für die Beseitigung der Schäden durch Naturkatastrophen, um neue Heimat für die Obdachlosen zu schaffen.

Deshalb muss Schluss sein mit Osterweiterungen der NATO, mit Militäreinsätzen in aller Welt, mit Rüstungsexporten, mit Kriegsrüstung. Statt Panzer sollen lieber umweltfreundliche, den Menschen dienende Verkehrsmittel geschaffen werden. Und statt Raketenangriffs- und Abwehrsystemen lieber Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern. Und Wohnungen statt Atombunkern mit Aktion Eichhörnchen.
Es muss Schluss damit gemacht werden, dass wider Lebenserfahrung und besseres Wissens weiter Kriege produziert werden. Unser Volk hat doch in zwei Weltkriegen selbst erfahren, in welches Elend das führt!

Deshalb muss das schon tausend Male Gesagte immer wieder gerufen werden:
Nie wieder Krieg!
Nie wieder Faschismus!
Bis wir endlich, statt den Antikriegstag, einen weltweiten Weltfriedenstag gestalten und feiern können!

1.September 2016
Gerhard Bialas

60 Jahre KPD-Verbot 85

28. Juli 2016

60 Jahre KPD-Verbot, 85 Jahre Gerhard Bialas Kommunistische Politik und staatliche Repression in der Bundesrepublik 26.7.2016 im Club Voltaire Tübingen  

Eine gemeinsame Veranstaltung von VVV-BdA, SDAJ, DKP und Club Voltaire

Grußwort von Gisela Kehrer-Bleicher

Letzte Woche hat Gerhard seinen 85.Geburtstag gefeiert, seit 65 Jahren und bis heute ist er in seiner Partei aktiv und ein Urgestein der demokratischen Bewegungen in Tübingen. Wir haben gerade schon viel von ihm über die Zeit in der FDJ und der KPD und zu den Folgen des KPD-Verbots gehört. Aber Gerhard ist keiner, der sich unterkriegen läßt. Heute ist er in Tübingen und im Kreis als linker Kommunalpolitiker bekannt, der nicht nur im Gemeinderat und Kreistag für Roten Pfeffer gesorgt hat, sondern auch  in vielen außerparlamentarischen Initiativen und Bewegungen aktiv wurde. 1969, kurz nach der Neukonstituierung  der DKP ist er zusammen mit Christa eingetreten und gründete die Tübinger Ortsgruppe. Bald kamen viele junge Menschen dazu, Lehrlinge und Schüler, Studierende, Zivis, Krankenschwestern- und Pfleger. Gerhard erzählte uns damals hier im Club Voltaire, warum er Kommunist wurde und es auch trotz Diffamierungen und Repressalien blieb. 1975  mobilisierte die DKP zum erfolgreichen Bürgerentscheid gegen die unsoziale Einwohnersteuer und ging mit der Aktion Gläsernes Rathaus – damit man draußen sieht, was drinnen vorgeht in den Kommunalwahlkampf.

Die 2 Sitze für die DKP – Gerhard und Harald Schwaderer – waren die große Sensation. 1979 gelang Gerhard auch noch der Einzug in den Kreistag. Trotz schwieriger Zeiten für die Kommunisten nach dem Ende der DDR und der Sowjetunion im nun neoliberalen und antikommunistisch  erstarkten Gesamtdeutschland konnte Gerhard die Tradition linker Kommunalpolitik in Tübingen fortführen und mit der Gründung der Wählervereinigung Tübinger Linke (TÜL) seinen Sitz im Gemeinderat halten. Auch heute noch arbeiten in diesem überparteilichen Wählerbündnis Mitglieder von DKPder Linken und Unorganisierte zusammen; die TÜL ist mit je 4 Sitzen im Gemeinderat und Kreistag vertreten. Gerhard ruhte sich aber nicht auf den Rathaussesseln aus. Unermüdlich war er daneben immer in zahlreichen Bürgerinitiativen aktiv und trug deren Anliegen ins Rathaus. Damals, als Gerhard erstmals ins Rathaus einzog, wüteten noch Stadt- und Verkehrsplaner im Rathaus, die Tübingen autogerecht umbauen wollten. Unvergessen sind bis heute die erfolgreichen Aktionen gegen die geplante Stadtautobahn Nordtangente, gegen den Abriss von Schimpf und Schwabenhaus, die Verhinderung des Golfplatz im Ammertal. Den Abriss des König, den Bau der B 27 neu und die Schließung von Zanker konnte leider auch der breite Widerstand nicht verhindern. Bei all diesen Kämpfen war Gerhard mit an vorderster Stelle dabei und half den Widerstand ins Rathaus zu tragen. Seiner BI Weststadt, die in dieser Zeit entstand und die immer noch die wohl die aktivste Stadtteil-Initiative ist, bleibt Gerhard bis heute verbunden. Sie und die anderen Bürgerinitiativen sieht er als unerläßliche demokratische Stützen Kommunalpolitik. Tübingen kennt Gerhard bis heute als entschiedenen Kämpfer für Frieden und Abrüstung, gegen alte und neue Faschisten. Die Forderung: Garnison auflösen – Wohnungen statt Kasernen war jahrelang sein politischer Leitspruch. Zäh und beharrlich hat er immer wieder den Zusammenhang zwischen großer und kleiner Politik aufgezeigt, die Losung Global denken, lokal Handeln konkret umgesetzt und z.B. jahrelang OB, Stadt- und Kreisräte genervt, wenn er auf den Jäger 90 verwies, mit dessen  Abrüstung man viele soziale Leistungen finanzieren könnte. Ohne die Initiative und Unterstützung von Gerhard wäre der Erhalt des Gräberfeld X auf dem Stadtfriedhof   als antifaschistische Mahn- und Gedenkstätte und auch die Schaffung der Gedenkstätte für die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge beim ehemaligen Außenlager Hailfingen-Tailfingen wohl nicht möglich gewesen. Gerhard blieb neben diesen vielen politischen Aktivitäten, die man im Rückblick fast nicht mehr vollständig erfassen kann, aber immer auch noch Zeit für das Singen im Volkschor, für seine Gedichte (nicht nur zum Jahreswechsel), zum Leserbrief schreiben, für das Gärtnern, die Schafe und Hasen im Hellerloch, den Kleintierzüchter- und Imkerverein, für sein bis heute liebstes Hobby, die Bienen und nicht zuletzt auch für Christa und seine große Familie. Seine Hobbys haben ihn auch davor bewahrt, wegen der Kommunalpolitik verrückt zu werden. Nach bereits langer Zeit im Gemeinderat und im Kreistag wurde Gerhard einmal gefragt, ob ihm die Arbeit dort denn noch Spaß macht. Nein, antwortete er, aber den andern macht es ja auch keinen Spaß, wenn ich noch drin bin. 2005, nach 30 Jahren im Gemeinderat, schied er dann aus beiden Gremien aus, weil er der Meinung war, dass es Zeit wird für Jüngere, die auch ins harte Brot der Kommunalpolitik beißen müssen. Als Resumee seiner Arbeit konnte er damals darauf verweisen, dass sein politischer Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist: Inzwischen ist Tübingen ohne Militär, mit Gewerbe und Wohnungen statt Kasernen. Er legte sich aber nicht auf´s Altenteil und mischt immer noch ein, mit Leserbriefen, als Redner bei Kundgebungen und als roter Urgroßvater, der, wie an diesem Abend, seine politischen Erfahrungen an neue und jüngere Aktive in der linken Bewegung weitergibt. Dies ist heute auch nötiger denn je! Zu diesen Erfahrungen zählt auch das, was Gerhard als seine Lebensstrategie bezeichnet: Man muss auch trickreich sein, sich immer wieder was einfallen lassen und ein Stückchen schlauer sein als die, dann kommt man ganz gut durch… Und sich einfach mal kurz zurück ziehen und überlegen, wie gehst du in die Gegenoffensive, wie legst du dich mit denen am besten an, mit welcher breiten Öffentlichkeit… (Ich hab dann immer wieder die Abgeordneten damit beschäftigt, der Zeitung Informationen gegeben.“)   Lieber Gerhard, im Namen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Danke ich dir herzlich für dein unermüdliches Engagement in unserm Verband und für unsere gemeinsame Arbeit gegen Faschismus, für Frieden und eine gerechte und solidarische Welt. Wir gratulieren dir zu deinem Geburtstag und wünschen dir vor allem Gesundheit und noch viel Energie für kommende Aktivitäten. Herzlichen Dank auch an Christa, die gemeinsam mit ihm in all diesen Jahren diesen nicht immer leichten Weg gegangen ist und ihm nicht nur den Rücken freigehalten hat, sondern sich auch immer wieder selbst aktiv eingebracht hat. Und weil es so viele Geschichten von und über Gerhard gibt, hab ich zusammen mit Martha angefangen, diese aufzuschreiben. Wir möchten ihm heute  anlässlich seines 85.Geburtstags einen ersten Vorabdruck überreichen und freuen uns auf die weitere gemeinsame Arbeit mit ihm bei der Fertigstellung der Skizzen aus dem Leben eines Kommunisten.

Fahrt zur KZ-Gedenkstätte und Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm

6. März 2016

Samstag, 23.April 2016

Programm: 8.30 Uhr Busabfahrt Busbahnhof Tübingen 9.15 Uhr alter Busbahnhof Reutlingen 9.30 Uhr Bahnhof Metzingen 10.30 Uhr Führung DZOK Oberer Kuhberg 12.30 Uhr Fahrt in die Ulmer Innenstadt, Zeit zur freien Verfügung 14.30 Uhr Treffpunkt am Weinhof vor der Synagoge Führung zur Jüdischen Geschichte in der Innenstadt, Haus der Geschichte, Neue Synagoge und Münster mit Dr. Silvester Lechner 16.30 Uhr Einstein-Haus/VHS-Ulm: Ausstellung Albert Einstein, den Jugendwiderstand in Ulm und Inge Aicher-Scholl, Abschluss in der Cafeteria 17.30 Uhr Rückfahrt ca.19 Uhr Ankunft in Reutlingen ca.19.30 Ankunft in Tübingen Teilnehmergebühr: 15 €, ermäßigt 8€ Anmeldung bis 9.4.2016 bei: Rosa-Luxemburg-Stiftung Ludwigstr. 73a, 70176 Stuttgart, Tel.0711-99797090, mail: schlager@rosalux.de Bankkverbindung: Postbank Stuttgart, IBAN: DE93 6001 0070 0392 6207 08 BIC: PBNKDEFF, Betreff: Fahrt Oberer Kuhberg Eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Förderverein für jüdische Kultur in Tübingen und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg

Viktors Kopf – Filmpremiere am 13.3.2016 im Kino Arsenal

6. März 2016

Ein Dokumentarfilm von Regisseurin Carmen Eckhardt Sonntag 13.3.2016 11:30 Uhr Kino„Arsenal“ Hintere Grabenstraße anschließend Gespräch mit der Regisseurin   „Viktors Kopf“ erzählt schonungslos, persönlich und emotional eine Zeitreise zwischen NS-Vergangenheit und Gegenwart, Verdrängung und Wahrheit, in der die Grenzen sich in manchen Momenten zu verwischen scheinen und der Mut der Widerstandskämpfer heute noch für Verwirrung und Abwehr sorgt. Es geht um den lebensbedrohlichen Mut von damals und den Mut, den es heute braucht, ein Tabu zu brechen und die Verbindung zur eigenen Geschichte zu suchen. Auf der Suche nach den Spuren ihres Urgroßvaters dokumentiert Carmen Eckardt auch die verhängnisvolle Rolle der Tübinger Anatomie in der Zeit des Nationalsozialismus und geht auf die Geschichte des Gräberfeld X auf dem Tübinger Stadtfriedhof ein.   Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten(VVN-BdA) Tübingen-Mössingen, Verein Lern und Dokumentationszentrum zum Nationalsozialismus Tübingen, DGB-Arbeitskreis Tübingen, Kino Arsenal, Rosa-Luxemburg Stiftung Baden-Württemberg, gefördert durch den Fachbereich Kultur der Stadt Tübingen.

Kundgebung in Erinnerung an den Mössinger Generalstreik

10. Februar 2018

Erinnerung zur Kundgebung zum Mössinger Generalstreik

 

Auf den Spuren des Generalstreiks
Ich heiße Sie alle herzlich willkommen, hier an diesem historischen Ort, der Langgass-Turnhalle zu Mössingen, an der wir uns heute zusammenfinden, um der Ereignisse am 31. Januar 1933 zu gedenken.


Hermann Berner, der ehemalige Museumsleiter, hatte zugesagt, diese Stadtführung abzuhalten, hat dann aber entdeckt, dass er im Urlaub ist. So muss ich ihn mit meinen bescheidenen Kenntnissen ersetzen. Ich stütze mich vielfach auf sein Material, u.a. auf den virtuellen Rundgang, den Sie sicher alle vorher intensiv studiert haben. Und auf das Materialienheft der Landeszentrale für politische Bildung.
Ich bin vorhin mit dem Fahrrad aus dem Nachbarort Nehren gekommen, auf demselben Weg, wie eine unbekannte Anzahl von Männern und Frauen von dort, die an diesem Tag ihre Mössinger Genossen unterstützen wollten. 19 Männer wurden später wegen Landfriedensbruchs verurteilt. Sie trafen sich vor dem Haus von Glasermeister August Nill in der Kirschenfeldstraße, liefen zu Fuß nach Mössingen.
Eine Tafel unseres Geschichtspfads in Nehren erinnert heute an sie.
30. Januar 1933. Hitler wird von Generalfeldmarschall Hindenburg zum Reichskanzler ernannt! Ein schicksalhafter Tag für das deutsche Volk, würde ich jetzt sagen, wenn ich der Historienheini Guido Knopp wäre, bin ich aber zum Glück nicht. Es war gar kein schicksalhafter Tag. Ebenso wenig wie der 2. Februar.
Gestern, am 2. Februar 1943, ging die Schlacht um Stalingrad zu Ende. Der Kampf um Stalingrad, heute Wolgograd, war die größte Schlacht im Zweiten Weltkrieg. Sie dauerte vom 17. Juli 1942 bis zum 2. Februar 1943. Russischen Quellen zufolge wurden während der gut sechsmonatigen Kämpfe in und um Stalingrad 487.000 Soldatinnen und Soldaten der Roten Armee getötet, 650.000 weitere verwundet. Auf Seiten der Wehrmacht und ihrer Verbündeten starben 300.000 Soldaten, mehr als 90.000 Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft. Nur 6.000 kehrten davon zurück.
Als den „größten Heroenkampf unserer Geschichte“  hat Reichsmarschall Hermann Göring die Schlacht bezeichnet. Eine dicke Lüge, wie der Mann selbst!
Hat nicht die KPD, auch in Mössingen, ihren Wahlkampf mit der Losung geführt: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg.“
Die Kommunisten hier in der Provinz wußten es.
Jean Jaurès, der französische Sozialistenführer, unmittelbar zu Beginn des Ersten Weltkriegs von einem französischen Chauvinisten erschossen, hat gesagt: Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie eine Schlechtwetterwolke das Gewitter.
Also: Wir schreiben den letzten Tag des Monats Januar des Jahres 1933. Ganz Deutschland ist schon von Nazis besetzt. Ganz Deutschland? Nein, ein kleines Dorf im Schwabenland hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Die Kommunisten vor Ort mobilisieren ihre Anhänger unter der Parole „Heraus zum Massenstreik!“, mit der die Landesleitung ihrer Partei zum Widerstand gegen die „Regierung der nationalen Konzentration“ aufgerufen hat.
Der Tübinger Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer hat die „Asterix“-Anfangsformel ins Spiel gebracht, als er 2003 zum 70. Jahrestag bei einer Rede unter dem Motto „Zivilcourage einst und jetzt“ die Aktion würdigte. Hier in dieser alten, ehrwürdigen Hütte, der Langgass-Turnhalle, die das Kulturzentrum der Linken in Mössingen und auch im Steinlachtal war. Wertheimer rühmte “Charme, Witz, Kreativität“ der Mössinger Linken, manche ihrer Aktionsformen und Aussagen verglich er mit dem „skurrilen Humor“ Karl Valentins.
Mit Aktionen traten sie hervor, 1919 schon bei der Entwaffnung eines Tübinger Studentenfreikorps am Mössinger Bahnhof, das von seiner Mitwirkung an der Auflösung der Münchner Räterepublik zurückkehrte.
Beim „Fürstenbilderstreit“ 1922 hängten sie kurzerhand im Rathaus der Republik die Adelsbilder ab. Im Protokoll einer Gemeinderatssitzung heißt es: Nach Eröffnung der Sitzung führte Gemeinderat Ayen aus, dass nach Abschaffung der Monarchie und Einführung der republikanischen Staatsform in einen öffentlichen Versammlungsraum keine Fürstenbilder mehr gehören und dass sich schon viele Bürger an diesem Zustand gestört hätten. Ein bürgerlicher Antrag auf Vertagung der Angelegenheit wurde überstimmt. Nach einer erregten Debatte wurde mit 6 gegen 5 Stimmen beschlossen, die Bilder aus dem Rathaussaal zu entfernen.
Die Einschränkung der politischen Rechte wie Versammlungsfreiheit unter der Regierung Brüning versuchten sie mit einem getarnten Demonstrationszug im Gänsemarsch zu umgehen. Zu „Hitlers Schatten über Deutschland“ sprach Reichsredner Nagel von der NSDAP in Mössingen, im Juli 1932. Dem begegneten die Linken mit einer sofort anberaumten Gegenveranstaltung zur „Sonnenbestrahlung des Führers.“
Die Generalstreikler seien, sagte Wertheimer, eine “bauernschlaue Bande“ gewesen, „Blechtrommler“, deren Widerständigkeit nicht “aus heiterem Himmel“ gekommen sei.
Nein, der Mössinger Streik am 31. Januar 1933 kam nicht aus dem Nichts. Das Dorf war industriell geprägt, es war arm und zugleich weltläufig. Viele wanderten aus purer Not aus, sogenannte „Mondscheinbauern“ arbeiteten neben ihrer Tätigkeit in den Textilfabriken auf dem Feld, Handwerker suchten anderswo als Saisonarbeiter ein Auskommen und brachten bei der Rückkehr linkes Gedankengut mit.
Als die Sozialdemokraten 1898 im Wahlkreis erstmals einen Kandidaten stellten, wählten bereits 33 Mössinger die SPD. Drei Jahre später wurde in Mössingen eine
SPD-Ortsgruppe, der „Bezirksverein Steinlachtal“, gegründet. Bei den Reichstagswahlen erlangte sie 1903 bereits 33,6 Prozent, 1912 sogar 42 Prozent. Immerhin eine Partei, deren damaliger Vorsitzender August Bebel ausrief: „Ich bin und bleibe der Todfeind dieser bürgerlichen Gesellschaft.“  Dem SPD-Ortsverein folgten bald Konsumverein, Radfahrverein Frischauf, Arbeiterturner und Arbeitergesangverein. 1925 errichteten sie unter großen Anstrengungen die Turnhalle in Eigenregie. 1933 wurde sie enteignet. Nach 1945 versäumte man es, auf Rückgabe zu drängen. Sicher ein politischer Fehler.
Sie hat ihr Aussehen wesentlich verändert. Im „virtuellen Rundgang“ heißt es: „Anstelle der großen und kleinen Glasfenster zum Parkplatz hin, wurden in der gesamten oberen Hälfte der Gebäudefassade Glasbausteine eingesetzt. 1962 wurde zum Sportplatz hin ein Vereinsheim angebaut, das knapp zehn Jahre später noch einen Küchenanbau erhielt. Auf dem Dach der Turnhalle befinden sich seit einigen Jahren Sonnenkollektoren, die die Ästhetik des Gebäudes stark beeinträchtigen.“
Ohne sie hätten die Linken im traditionell pietistisch geprägten Mössingen nie diesen Zulauf gehabt. Die Turnhalle war die einzige größere Halle in Mössingen und die Linken dominierten damit das kulturelle Leben vor Ort. Vor allem für die Jugend war damit die KPD überaus attraktiv. Nur wenige gehörten dem engeren Zirkel der Partei an, die Mehrheit organisierte sich im Umfeld, wie im Sportverein, Gesangverein, der Roten Hilfe, im Konsum, dem antifaschistischen Kampfbund und dessen Trommler- und Pfeifertruppe.

So hatten sich die linken Mössinger ganz gut in ihrem Dorf eingerichtet. Man ging zum Sportverein, Gesangverein und den anderen Organisationen die der KPD angegliedert waren, in der Turnhalle gab es attraktive Veranstaltungen
Bei den Reichstagswahlen war die KPD stärker als die SPD.  Die Kommunisten arbeiteten im Gemeinderat konstruktiv, der „guten Zusammenarbeit“ verdankte man das neue Wohngebiet auf der Hilb, Kanalisation, Gemeindebad und E-Werk. Gründe dafür, warum so viele Mössinger nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler dem Aufruf der KPD zum Massenstreik folgten.
Viele Wähler, auch in Mössingen, gaben, pietistisch geprägt, mit Einsetzen der Weltwirtschaftskrise dem protestantischen Christlich Sozialen Volksdienst (CSVD) ihre Stimme, einer antidemokratischen Partei, von Radauantisemiten durchsetzt. Sie wechselten dann zur NSDAP. „Mössingen war sozusagen braunrot,“ sagt die jetzige Museumsleiterin Franziska Blum. Allerdings konnten sich die Nazis nicht auf ein Parteimilieu und politische Strukturen wie die Kommunisten stützen.
Die Ereignisse der zwei Tage:
Am 30. Januar 1933 wurde um 12 Uhr über den Rundfunk bekannt gegeben, dass Adolf Hitler vom Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden war. Einige Stunden später traf in Mössingen ein Kurier aus Reutlingen ein und unterrichtete die ortsansässigen Kommunisten, dass die KPD für den nächsten Tag einen Generalstreik beschlossen habe. Daraufhin berief der Vorsitzende der Mössinger KPD Martin Maier (Maler) für den Abend eine öffentliche Versammlung der Arbeitervereine in der Turnhalle ein.
Über 200 Männer und Frauen folgten dem Aufruf und beschlossen, sich am nächsten Tag um 12 Uhr nochmals bei der Turnhalle zu treffen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Nach der abendlichen Zusammenkunft zog die „Antifaschistische Aktion“, Trommler und Pfeifer voraus, durch das nächtliche Mössingen. während in vielen Städten Deutschlands Fackelzüge zur Feier der „Inthronisierung“ Adolf Hitlers stattfanden, marschierte man in Mössingen, um seinen Unmut gegen dieses Ereignis zu äußern.
Am nächsten Morgen fuhr Martin Maier nach Reutlingen, zum Unterbezirkschef der KPD, Fritz Wandel. Inzwischen war auch das offizielle Flugblatt der Stuttgarter KPD-Bezirksleitung, in dem zum Massenstreik gegen Hitler aufgerufen wurde, in Mössingen eingetroffen und der Maler Jakob Textor verfertigte ein Transparent mit der Aufschrift „Heraus zum Massenstreik“.

Als Fritz Wandel mit seinem „Töff-Töff-Motorrädle“ (wie sich eine alte Mössingerin erinnert, die als Zwölfjährige an den Geschehnissen teilnahm) um 12.30 Uhr an der Mössinger Turnhalle ankam, hatten sich dort ca. 100 Leute, meist Handwerker und Arbeitslose, versammelt. Man verteilte Flugblätter und nach kurzen Stellungnahmen von Fritz Wandel, Martin Maier, Jakob Stotz und Hermann Ayen wurde ohne große Diskussion beschlossen, Richtung Pausa loszumarschieren, wo zu diesem Zeitpunkt eine Abstimmung der dort Beschäftigten über die Beteiligung an einem Generalstreik stattfand.
Kurz nach 12.30 Uhr startete der Demonstrationszug. Voraus marschierten drei Fahnenträger mit roten Fahnen, es folgte das Transparent „Heraus zum Massenstreik“ und dahinter gingen in Viererreihen die Demonstranten. Es wurden Lieder angestimmt und immer wieder Parolen gerufen, vor allem: „Wer macht uns frei? Die kommunistische Partei!“ und „Hitler verrecke!“

Manche unter Ihnen wissen, dass der Arzt und Dichter Friedrich Wolf einige Jahre in Hechingen lebte, von 1921 bis 1928. Autor des Buches „Die Natur als Arzt und Helfer“ und von Theaterstücken wie „Professor Mamlock“. Er blieb bis 1933 recht eng verbunden mit den Arbeitern im Steinlachtal. Er hatte sich 1928 der KPD angeschlossen, schrieb Agitpropstücke für den „Spieltrupp Südwest“, der auch mehrfach in Mössingen auftrat. Das Arbeitertheater war auch in der Langgass zu Gast mit einem Wolfschen Stück mit dem Titel „Wie stehen die Fronten?“, das auf einen Streik bei der Pausa zurückgeht und auf der verfehlten RGO-Politik der KPD beruht.
Anfang der 30er Jahre hielt Wolf einen Vortrag in Mössingen, hier in der Halle. Themen waren diesmal der § 218,  Schwangerschaftsverhütung und allgemeine Gesundheitsvorsorge, nachdem er vorher schon öfter vor Ort gewesen war und etwa, nach einer Reise dorthin, über die Verhältnisse in der Sowjetunion gesprochen hatte. „Das war ein Wirbel“, erzählten Mössinger Frauen später von der §218-Veranstaltung. Die Turnhalle war„brechend voll“. Über 300 Mössinger waren gekommen, darunter so viele Frauen wie nie zuvor. Die Polizei untersagte Jugendlichen unter 16 Jahren den Zutritt. In Mössingen wurde nach dieser Veranstaltung viel und heftig diskutiert. Noch nie war bisher im Dorf ein derart brisantes und privates Thema so offen angesprochen worden.
Die örtlichen Genossen der KPD wurden nun, wie eine Mössingerin erzählte, zur Anlaufstelle für Frauen, die nicht unbedingt der KPD nahe standen, aber kurzfristig Hilfe suchten für eine Abtreibung. Ein örtlicher KPD-Funktionär erinnert sich, dass die Mössinger KPD 1931 sogar mit einer Gruppe Frauen im gemieteten Bus zu Wolf und der Ärztin Elsa Kienle fahren wollte. Das Unternehmen scheiterte dann, weil Wolf und Kienle in Stuttgart wegen des „Verdachts des Verstoßes gegen den § 218“ verhaftet worden war.
In dem Buch „Da ist nirgends nicht gewesen außer hier“ von 1982 heißt es:
Die Erinnerung an Wolf ist bis heute lebendig.
vielleicht ist er der überzeugendste von außen kommende Vertreter der KPD-Politik gewesen; jedenfalls hat er es am besten verstanden, sie den eigenwilligen Mössinger zu vermitteln.“
In einem Protokoll kann man nachlesen, wie der Gemeinderat 1932 gegen eine Stimme (das war der Nazi) dem Kommunisten Wolf für einen seiner Vorträge den städtischen Lichtbildapparat zum agitatorischen Gebrauch überließ. „Bevor die Nazis kamen, hat man durchaus miteinander g’schirra können,“ sagte einmal der frühere Stadtarchivar Matthias Röhrs.
Ich habe als Mitglied der Friedrich-Wolf-Gesellschaft für den Sohn von Friedrich Wolf, Markus „Mischa“ Wolf, am 19.Januar 1923, vor 95 Jahren in Hechingen geboren, im Jahr 2004 eine kleine Stadtführung gemacht.
Ich habe damals angemerkt: Es brauchte ein halbes Jahrhundert, bis die Tafel zur Erinnerung an den Aufstand gegen Hitler hier angebracht werden konnte. “Besser spät als gar nicht“, lautete damals Wolfs diplomatischer Kommentar.
Der Streikzug begab sich von der Turnhalle durch die Langgasse in Richtung Kreuzung „Auf der Lehr“, von wo es nach rechts in die heutige Falltorstraße hinab am damaligen Rathaus vorbei.
Wir sind jetzt bei der ehemaligen Mechanischen Weberei Pausa. An der Stelle des Fabrikensembles der „Alten Pausa“ befindet sich hier seit 1992 die Altenwohnanlage „Haus an der Steinlach“. Der „virtuelle Rundgang“ sagt dazu: „Der voluminöse Bau mit seiner ausgeprägten Glasfront, erstreckt sich nicht nur über den Platz der ehemaligen Firmenanlage im Steinlachbogen, sondern nimmt auch das Gelände angrenzender Gebäude, wie der früher oberhalb gelegenen Molkerei und der Seilerei Neth ein. Die Gaststätte „Zum Schwanen“, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand und auf deren Treppe Fritz Wandel in einer flammenden Rede zum Streik aufrief, ist ebenfalls verschwunden. An dieser Stelle ist heute ein Parkplatz.“

Um 12.45 Uhr erreichte man die Buntweberei Pausa in der Falltorstraße. Dort war gerade Mittagspause. Kurz vor dem Eintreffen des Demonstrationszuges hatte in den beiden Abteilungen des Betriebs eine getrennte Abstimmung über eine Teilnahme am Generalstreik stattgefunden. Während sich eine Abteilung für eine Teilnahme aussprach, stimmte die andere mehrheitlich dagegen. Für 13 Uhr war eine neue gemeinsame Abstimmung aller Beschäftigten angesetzt worden.
Diese Zeit nützte Fritz Wandel. Er stieg auf die Treppe des gegenüberliegenden Gasthauses zum Schwanen und hielt seine „flammende Rede“, die zur Teilnahme am Generalstreik gegen Hitler aufforderte. Von der meines Wissens nur ein Satz überliefert ist: „Wenn die Hitler-Regierung am Ruder bleibe, gebe es wieder Krieg und da wolle er lieber auf der Straße verrecken“, so wird er von einem Zeitzeugen wiedergegeben.
Nach der Rede folgte ein dreimaliger Rotfront-Ruf und die Internationale wurde gesungen.

In der anschließenden Abstimmung sprach sich die Belegschaft der Pausa mit 53 zu 42 Stimmen für eine Teilnahme am Streik aus. Die Besitzer der Pausa, die jüdischen Gebrüder Artur und Felix Löwenstein, gaben daraufhin den Arbeitern für den Nachmittag frei.
Viele der Pausa-Arbeiter reihten sich nun in den Demonstrationszug ein. Zu dieser Zeit kamen auch immer mehr Mössinger und Bewohner der umliegenden Orte dazu, die teils mit dem Fahrrad herbeigeeilt waren, um am Massenstreik teilzunehmen oder einfach dieses Ereignis aus nächster Nähe zu beobachten. Ein beachtlicher Zug von ca. 600 Personen setzte sich um 13.45 Uhr die Falltorstraße abwärts in Bewegung.

Wer war Fritz Wandel? (Zitat aus Internet-Seite über Reutlingen)
In der Liste der Reutlinger Ehrenbürger sucht man ihn vergeblich, es gibt keine Ehrentafel und keine Straße ist nach ihm benannt. Dabei gehört er zu den wenigen politischen Persönlichkeiten der 30er und 40er Jahre, auf die Reutlingen wirklich stolz sein kann. Fritz Wandel, 1898 geboren, stammte aus Ebersbach an der Fils, seine Familie zog aber schon um 1900 nach Reutlingen. Er war das älteste von acht Kindern. Als sein Vater starb, war Fritz gerade 12 Jahre alt und musste schleunigst dazuverdienen,um die Familie über Wasser zu halten. Er ist unter anderem Tagelöhner bei der Firma Gustav Wagner. Während des ersten Weltkriegs wird er 1916 ins Heer des Kaiserreichs eingezogen und gerät in Kriegsgefangenschaft, aus der er 1919 nach Reutlingen zurückkehrt.
Wandel wurde Mitglied der KPD. Trotz mangelnder Schulbildung ist er intelligent und rhetorisch hoch begabt, vor allem politisch sehr engagiert. Er wird 1931 als Kommunist Mitglied im Reutlinger Gemeinderat. 1933 schlägt seine Sternstunde für die Geschichte der Region. Eben als er nach Mössingen kam, um seine Rede zu halten.
Nach der Zerschlagung des Streiks flüchete Wandel. „Wo ist Stadtrat Wandel?“ schrieb der Reutlinger Generalanzeiger am 21. Februar, denn angeblich wurde er in Reutlingens Straßen gesehen. Später druckte der GEA den amtlichen Polizeibericht: „Heute früh wurden 15 kommunistische Funktionäre verhaftet, darunter auch der kommunistische Stadtrat Fritz Wandel.“
Ob Wandels Leidensweg im neu errichteten KZ-Heuberg bei Stetten am kalten Markt beginnt, wie der GEA 2003 schrieb, ist nicht ganz klar. Dort hätte er zumindest einige Bekannte getroffen. So ist der Reutlinger SPD-Fraktionsführer und spätere Oberbürgermeister Oskar Kalbfell einer der etwa 2000 Häftlinge. Auch Hans Freytag, GEA Mitherausgeber und Gründer der Fa. Packma ist dort als prominentes „Reichsbanner“-Mitglied inhaftiert. Freytag hatte zuvor – offensichtlich vergebens – mit einer gehörigen Portion Opportunismus versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen: Ihn bewegten „im tiefsten dieselben Gründe, die heute auch die nationalsozialistischen Führer bei ihrem Streben um Deutschlands Einigung bewegen, nämlich der Wunsch, die deutsche Arbeiterschaft von ihren klassenkämpferischen Zielen weg an den deutschen Staat heranzuführen.“ So schrieb er selbst im Generalanzeiger.

Die fürchterlichsten Wochen seines Lebens

Vermutlich wurde aber Wandel mit anderen „Landesfriedensbrechern“ des Mössinger Aufstands gleich in Untersuchungshaft ins Reutlinger Amtsgefängnis gebracht. Fritz Wandel wurde zu vierienhalb Jahren Gefängnis verurteilt, die er in „strenger Einzelhaft“ verbrachte, damit er „sein Gift nicht an die anderen Gefangenen weiter verbreiten könne“. Nach Ablauf seiner Haftzeit wurde er in „Schutzhaft“ genommen und in das KZ-Dachau gebracht. In seinem Büchlein „Ein Weg durch die Hölle“ beschrieb er 1946 seine Erlebnisse, die er als die „fürchterlichsten Wochen seines Lebens“ bezeichnete. Ein Kalenderblatt mit einem Shakespeare Zitat aus „Macbeth“ verleiht ihm Mut: “ So lang ist keine Nacht / dass ihr nicht doch zuletzt ein Tag erwacht.“ Am 15. März 1943 wird er überraschend entlassen. Er schreibt, er habe diese Entlassung einer kleinen „Oppositionsgruppe gegen die Nazis in Reutlingen, deren Angehörige teilweise Mitglied der NSDAP waren“, zu verdanken. Als er „in Reutlingen auf dem Bahnhof ankam, da fiel mir ein Soldat um den Hals und nannte mich Vater. Ein Mädchen, das so groß war wie der Soldat, begrüßte mich gleichfalls als Vater.“ Als er fortgeholt worden war, waren seine Kinder zehn und vier Jahre alt: „Ich hätte schreien mögen vor namenloser Seelenqual.“ Schreibt Wandel.

Doch lange ist er nicht in Freiheit. Er wird zur Gestapo-Hauptstelle in Stuttgart beordert, man will ihn mit Geld und der Angst um seine Familie zu Spitzeldiensten locken. Er macht das Spiel scheinbar mit. „Ich habe gelogen, dass sich die Balken bogen … ich glaube, dass ich damals besser gelogen habe als die Nazis.“ Das ging einige Wochen gut, doch dann sagt ihm die Gestapo: „Wenn wir aus Ihnen keinen Lumpen machen können, dann machen wir eben aus Ihnen einen Soldaten.“ Er wurde in das „Strafbataillon 999“ gesteckt und gehört am Kriegsende zu den wenigen, die dieses Bataillon überlebten. 1945 wurde er unter seinem ehemaligen Mithäftling und jetzigen Oberbürgermeister Oskar Kalbfell, dessen „3. Stellvertreter“ und Leiter des Wohnungsamtes. Er wurde wieder Stadtrat der KPD und Vorsitzender der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes). 1948 trat Wandel krankheitshalber als Leiter des Wohnungsamts zurück. Er war danach bei der Friedhofsverwaltung beschäftigt. Seine Frau Klara betrieb eine Gastwirtschaft.  Wandel starb 1956. Sein Büchlein „Ein Weg durch die Hölle – Dachau– wie es wirklich war“ erschien mit einer Auflage von 10 000 im Verlag Oertel & Spörer. Wandel hatte zuvor mündlich, u.a. im November 1945 in der überfüllten Bundeshalle, mit seinem Bericht „erschütternde Reaktionen“ ausgelöst, daraufhin erschien dieser in gedruckter Form.
21.12.1945 meldete der Steinlachbote:
„Wenn am vorletzten Sonntag Stadtrat Fritz Wandel aus Reutlingen im Lammhof sprechen konnte, so kommt diesem Vortrag eine besondere Bedeutung zu. Einmal war dieser Vortrag seit dem Zusammenbruch des Naziregimes der erste politische Vortrag überhaupt, und zum anderen war Mössingen der Ort, an dem Stadtrat Wandel eine seiner letzten Reden vor seiner Inhaftierung hielt. Es war dies am 30. Januar 1933, da außer in einer norddeutschen Großstadt nur noch die Arbeiterschaft des kleinen Mössingen gegen die „Machtergreifung“ Hitlers protestierte. Wenn auch die damalige Demonstration an jenem sich so beispiellos unheilvoll auswirkenden Geschehen nichts zu ändern vermochte und nur Leid und Verfolgung für die Demonstrierenden im Gefolge hatte, so war sie doch geradezu symbolisch in ihrer nunmehr historisch gewordenen Bedeutung der Erkenntnis einer sich vollziehenden Entwicklung, deren Kosten heute das ganze deutsche Volk zu tragen hat. An jenem 31. Januar 1933 hatte Stadtrat Wandel zu der Mössinger Arbeiterschaft gesprochen, und nun nach trostlos langen und bitter schweren zwölf Jahren stand er wieder zum erstenmal vor seinen Mössinger Gesinnungsfreunden. Wenn trotz mancherlei ungünstiger Umstände Stadtrat Wandel in Mössingen vor einer stattlichen Zuhörerschaft sprechen konnte, so mag dies ein Beweis dafür sein, daß die Mössinger Einwohnerschaft den Rufer zum Streik von 1933 nicht vergessen und ihm über mehr als ein Jahrzehnt hinweg trotz allem Terror und aller Unterdrückung die Treue gehalten hat.“
Es gab sie also noch, die Mössinger Linken.
In der Nachkriegszeit konnten sie aber nicht mehr an ihre Erfolge vor 1933 anknüpfen.
Unter der Überschrift „Keine Zustimmung“ meldete aber der Steinlachbote im August 1956 aus Mössingen: „Der Werbewagen des Amtes Blank wollte am Montagabend der Einwohnerschaft die Schönheiten des Dienstes in der neuen deutschen Wehrmacht vor Augen führen. Ganz offensichtlich war ein Teil der Versammelten aber ganz anderer Meinung. Ihr Protest – wenn er auch nicht immer sachlich vorgetragen wurde – gegen die deutsche Wiederbewaffnung ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.“ Amt Blank war der Verteidigungsministeriumsvorgänger, man kann annehmen, dass der Protestpersonenkreis weitgehend aus jenem Mössinger Milieu stammte, das noch im März 1933 am sogenannten Geometer-Haus in Mössingen die Aufschrift anbrachte: „Wer Hitler wählt, wählt Krieg!“ Das war der Maler Jakob Textor, der dafür in Untersuchungshaft kam.
Weiter zu Merz

Wir stehen hier in unmittelbarer Nähe zur ehemaligen Textilfabrik Merz, dort, wo die Mössinger Ortsmitte im Entstehen begriffen ist. Ich frage mich schon seit längerem, warum der Platz eigentlich nicht „Platz des Generalstreiks“ heißen soll? Das wäre mitten in der Stadt eine Benennung, die wahrgenommen und Fragen auslösen würde.
Eine Frau will ich vorab noch würdigen.
„Nicht Fuchs, nicht Leu, selbst nicht die Tigerkatze“ schreckten sie, nicht mal Kerker oder Tod. „Kein Weihrauchduft umnebelt meine Seele, nicht Rang und Würden drücken mir das Haupt“, schrieb Anna Nill über sich selbst, in einem Gedicht, das anfängt mit den Worten „Ich hab’s gewagt.“ Die Tochter des Mössinger Messerschmieds, die als junges Mädchen um 1900 nach Amerika auswanderte, war eine Eigene. Später als einzige Frau aktiv als Mitglied in der örtlichen KPD-Gruppe, wo sie auch auf Versammlungen sprach. Dann verließ sie Mössingen wieder, dem sie als Wohltäterin verbunden blieb. In der historischen Messerschmiede wird an sie erinnert, auch gibt es eine Anna-Nill-Straße.
Ein Mössinger erzählte über Post von Anna Nill aus Amerika: „Und dann hat sie mir auch mal eine Karte geschrieben, da stand drauf: „Das Dritte Reich wird zusammenfallen wie ein Fudigel auf dem Felde.“ Ein Fudigel, das ist ein Pilz, „der so stäubt, wenn man drauftritt.“ So hatte diese Frau auch da wieder recht.
Es bedurfte allerdings mächtiger Schläge von mehreren Seiten, bis der giftige Bovist der Hitlerei am Ende in Grund und Boden gestampft war. Militärisch zumindest. Denn der braune Staub ist noch immer in der Luft. Doch es wird hoffentlich nie wieder heißen: „Do isch neana nonz gwäa als wie do..“, wie die Generalstreikteilnehmerin Anna Renz 1978 in einem Interview sagte. „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“. Die Tübinger Wissenschaftler machten das zum Titel ihres Buches. Der damalige Rathauschef meinte, sich bei Erscheinen des Buches über die Grammatik mokieren zu müssen.
Zum Ereignis:
Kurz vor 14 Uhr traf der Demonstrationszug bei der Firma Merz ein. Die Trikotwarenfabrik in der Bahnhofstraße war damals der größte Betrieb in Mössingen und hatte um die 400 Beschäftigte.
Die Streikteilnehmer marschierten in den Fabrikhof, öffneten die Türen zum Web- und Nähsaal sowie zum Kesselhaus und riefen dabei: „Auf, raus zum Generalstreik!“ und „Motoren abstellen!“ Die meisten der Angesprochenen machten jedoch keine Anstalten, der Aufforderung zu folgen.
Nach heftigen Wortgefechten gelang es den Streikenden, die Maschinen im Websaal abzustellen. Im Nähsaal, wo fast nur Frauen arbeiteten, hatten sie weniger Erfolg. Da jedoch immer mehr Demonstranten in den Nähsaal eindrangen, war an ein Weiterarbeiten nicht mehr zu denken. Nach und nach verließen die Näherinnen ihren Arbeitsplatz, und diejenigen, die nicht freiwillig dazu bereit waren, wurden von ihren Plätzen gezerrt und nach draußen abgedrängt. Otto Merz, der zwischenzeitlich versucht hatte, die Streikenden zum Verlassen seines Betriebs zu bewegen und dabei von den Streikenden beschimpft worden war, telefonierte während des Tumults im Nähsaal mit dem Mössinger Bürgermeister Karl Jaggy. Merz versuchte Jaggy davon zu überzeugen, dass es notwendig sei, auswärtige Polizeikräfte zur Beruhigung der Lage herbeizurufen. Jaggy lehnte dies ab und riet Merz spazieren zu gehen, bis der ganze Spuk vorbei sei. Damit wollte sich Merz aber nicht abfinden und bat telefonisch beim Oberamt in Rottenburg um polizeiliche Unterstützung.
Die Auseinandersetzungen in der Trikotwarenfabrik Merz dauerten über eine Stunde. Um 15.15 Uhr formierte sich der Demonstrationszug wieder und ca. 800 Personen (die Zeitungen sprachen sogar von 1000 Teilnehmern) marschierten Lieder singend und Sprechchöre rufend die Bahnhofstraße hinab zur dritten großen Mössinger Textilfabrik, der Buntweberei Burkhardt, die sich in der Ofterdinger Straße befand. Als sie dort um 15.30 Uhr eintrafen, fanden sie die Fabriktore verschlossen. Merz hatte die Firmenleitung vorgewarnt.
50-60 Demonstranten überkletterten den Fabrikzaun, wobei es zu verbalen Auseinandersetzungen mit dem Aufsichtspersonal kam. Währenddessen lief der Betrieb bei Burkhardt ungehindert weiter, nur wenige der Beschäftigten unterbrachen ihre Arbeit. Daraufhin versuchten einige junge Streikteilnehmer das Fabriktor gewaltsam zu öffnen, indem sie begannen, die Kloben aus der Türe heraus zu brechen, andere schwenkten die mitgeführten roten Fahnen vor den Fabrikfenstern. Die Streikleitung unterband die Aktionen und beschloss,  zur Turnhalle zurück zu marschieren.
Als sich der Streikzug wieder auf den Weg zurück ins Dorf machte, stellte sich auf der halben Strecke eine Front von etwa 40 Reutlinger Schutzpolizisten mit Schlagstöcken und Pistolen in den Weg. Der Ort des Zusammentreffens wird etwa auf der Höhe der heute rechts abbiegenden Goethestraße vermutet. In der Bahnhofstraße standen damals nur vereinzelt Häuser sowie westlich von ihr die 1928 errichteten Shedhallen der Firma Pausa, die an dieser Stelle das alte Werk im Ortskern bis in die 1960er-Jahre ständig erweiterte. Über die rechts und links der Straße noch zahlreich vorhandenen Felder und Wiesen machten sich die Streikenden im Angesicht der übermächtigen Polizeipräsenz davon. Da der 31. Januar 1933 ein regnerischer Tag war, kehrten die Fliehenden in der Regel mit stark verschmutzten Schuhen nach Hause zurück. Für die ermittelnden Kommissare und die Polizei waren solche Schuhe in den kommenden Tagen Indizien für die Teilnahme am Streik.

Zu diesem Zeitpunkt war den Streikenden natürlich endgültig klar, dass in den größeren Städten der Umgebung nicht gestreikt wurde, denn sonst wäre die Bereitschaftspolizei aus Reutlingen sicherlich nicht nach Mössingen beordert worden. Also beschloss die Streikleitung die Auflösung des Demonstrationszuges. Die meisten Teilnehmer verließen die Straße und flüchteten rechts und links über die angrenzenden Felder. Noch am Abend des 31. Januar kamen zwei Kriminalkommissare und ein Polizeiwachtmeister nach Mössingen, auch 14 Männer der Reutlinger Schutzpolizei blieben vor Ort. So wurden schon wenige Stunden nach Auflösung des Demonstrationszuges die ersten Verhaftungen vorgenommen.
Nach wenigen Tagen umfasste die Anzahl der Festgenommenen in Mössingen, Belsen, Talheim und Nehren 58 Personen. Die Vernehmungen fanden auf dem Mössinger Rathaus statt, wo die Beschuldigten auch aussagewilligen Augenzeugen des Geschehens gegenübergestellt wurden.
Anschließend verteilte man die Verhafteten auf verschiedene württembergische Gefängnisse. Insgesamt wurde gegen 98 der Streikteilnehmer Anklage erhoben. Bei 92 lautet die Anklage auf „Landfriedensbruch“ und bei sechs, den so genannten Rädelsführern, auf „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit erschwertem Landfriedensbruch“. Wegen Landfriedensbruch wurde vor der Großen Strafkammer in Tübingen verhandelt. Die sechs wegen Hochverrats Angeklagten mussten sich vor dem Strafsenat des Oberlandesgerichts in Stuttgart verantworten. Verurteilt wurden 80 Personen, darunter 3 Frauen. Die Haftstrafen der Mössinger bewegten sich zwischen 3 Monaten und zweieinhalb Jahren.

1948 wurden die Urteile gegen die Teilnehmer des Generalstreiks von 1933 aufgrund der „Rechtsanordnung zur Beseitigung nationalsozialistischen Unrechts in der Strafrechtspflege“ aufgehoben. Als der ehemalige Konsumkassier Martin Maier 1954 gegen das Landesamt für Wiedergutmachung in Tübingen auf Haftentschädigung für die nicht in vollem Umfang angerechnete Haftzeit klagte, gab ihm das Landgericht Tübingen Recht. Zudem sah es den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit im Vorgehen des Streikenden gewahrt. In der Begründung wurde der Streik sogar als legitime Maßnahme beschrieben, die – wie 1920 der Generalsstreik gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch – durchaus Erfolg versprechend hätte sein können. Das Gericht hielt fest: „Wäre die Aufforderung zum Generalstreik überall befolgt worden, so wäre diese Maßnahme durchaus geeignet gewesen, das angestrebte Ziel zu erreichen, die Regierung Hitler lahmzulegen und zum Rücktritt zu zwingen […]“.
Der Generalstreik erfuhr in der Nachkriegszeit dennoch nicht die Würdigung, die er verdient hat. Es galt als Makel, Teilnehmer gewesen zu sein. Ein kommunistischer Schandfleck. Schadenfreude über das Scheitern machte sich breit. Ehemalige NSDAP-Miglieder zogen wieder in den Gemeinderat ein. Im Jahre 1974 wurde die Gemeinde Mössingen zur Stadt erhoben. In dem dicken Heimatbuch, das zu diesem Anlass erschien, finden sich gerade mal zwei Sätze über die Aktion. Und die sind auch noch schief und falsch. Bei der Stadterhebungsfeier des inzwischen 13 600 Einwohner zählenden Ortes wurde die neugeschaffene Bürgermedaille als erstem Träger Jakob Stotz verliehen. Die Begründung erwähnt lediglich „seine persönlichen Verdienste, die er sich in uneigennütziger Weise nach dem Zusammenbruch im Jahre 1945 für die Gemeinde und ihre Bürger und nicht zuletzt beim Wiederaufbau der Gemeinde erworben hat“. Seine Vita vor 1945 bleibt unerwähnt, was die Ambivalenz dieser Ehrung verdeutlicht. Beim großen Sommer-Stadtfest anlässlich der Stadterhebung stellte der Historische Festzug mit 30 Wagen und 250 Mitwirkenden im historischen Kostüm Stationen der Stadtgeschichte von der Steinzeit bis zur jüngsten Gegenwart dar – der Mössinger Generalstreik war nicht dabei.
1983 kam es dann, zum 50. Jahrestag, zur großen Demonstration mit zehntausend Teilnehmern und breiter politischer Unterstützung.
Mössingens Museumsleiter Hermann Berner wiederum nannte 1993 den Streik “das bedeutendste historische Ereignis“ für die Stadt. Auch er hat sich große Verdienste um die Erinnerung erworben. Auch immer wieder ein „Mössinger Generalstreiksmuseum“ gefordert.
Einen virtuellen Erinnerungsort gibt es. Wann kommt ein realer Ort dafür, wurde die jetzige Museumsleiterin Fblum vor fünf Jahren gefragt. „Ich hoffe, bis zum nächsten Gedenktag“.  Der ist heute. Ein realer Or ist ncht in Sicht.
Im Gegensatz zu Stauffenberg und den Geschwistern Scholl habe der Widerstand aus der Arbeiterbewegung „vergleichsweise wenig Anerkennung“ gefunden, meinte Wertheimer. Aber “weshalb eigentlich sollte eines Obersten Widerstand besser gewesen sein als der eines Handwerkers und Nebenerwerbslandwirts“?
Bevor wir uns zum Jakob Stotz-Platz zur Kundgebung aufmachen, möchte ich es nicht versäumen, unseren Mössinger Freund Ludwig Waldmann zu entschuldigen. Er war am Dienstag mit dem Zug bei der Filmvorführung von „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ im Club Voltaire in Tübingen. Auf dem Heimweg ist er gestürzt und liegt jetzt im Krankenhaus. Er wäre heute sehr gerne dabeigewesen, hat er mir ausrichten lassen. Ich soll schöne Kampfesgrüße sagen…
Und ich möchte auch Doktor Dieter Schmidt danken. Seiner Beharrlichkeit als Stadtrat und Fraktionsvorsitzender der SPD ist es zu danken, dass die Gemeinde Mössingen im Jahr 1985 mit dem Jakob-Stotz-Platz den kommunistischen Glasermeister ehrte. Und um die Tafel an der Langgass-Turnhalle hat er auch gestritten. Schmidt hat immer und immer wieder daran erinnert und dafür gestritten, dass die Widerstandsaktion nicht vergessen wird, auch in jenen Tagen, als eine Gruppe von Stadträten und CDU-Leuten, die „Interessengruppe für Mössinger Geschichte“, im Jahr 2013 den Generalstreik und seine Protagonisten erneut angriff, bis hin zur abstrusen Behauptung von einer angeblichen Todesliste, die die Mössinger Kommunisten aufgestellt hätten. Dies auf der Grundlage des Buches eines sogenannten Lokalhistorikers namens Paul Gucker, dessen Hauptthese auf der Ansicht beruht, die Verurteilungen wegen Landfriedensbruchs seien zu  erfolgt, weil ja am 31. Januar 1933 noch keine Diktatur bestanden habe.
Nachzulesen ist die Geschichte des Streiks und der Mössinger Linken in der Neuauflage eines reichbebilderten Buches mit dem Titel „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ (Talheimer Verlag, 32 Euro), herausgegeben von Hermann Berner und Professor Bernd Jürgen Warneken. Hoffnungsvoll merkt Warneken im Vorwort an: Die Überzeugung, dass zur Identität der Blumenstadt Mössingen auch ein Strauß roter Nelken gehöre, scheint heute mehrheitsfähig zu sein.
Der Historiker Peter Steinbach mahnte jedenfalls 2013: „Nutzen Sie die Chance, die Sie hier im Ort haben.“ Man solle würdigen, dass Einzelne sich auflehnten, die Auflehnung in Mössingen sei ein „historischer Schatz“, der gepflegt gehöre.
Uns bleiben Fragen:
Wie kam es dazu, dass einfache Handwerker und Arbeiter aus der Provinz damals mutig und entschlossen auftraten, auch wenn der Streik scheiterte? Wieso musste und muss darum gekämpft werden, dass ihr Handeln Anerkennung findet? Die Hauptfragen heißen bis heute: Warum leisteten so wenige so früh Widerstand? Warum überhaupt leisteten so wenige Widerstand?

Lesenswert sind die Biographien, die sich im „virtuellen Rundgang“ finden-
Jakob Textor etwa wurde 1908 als Sohn eines Maurers und einer Fabriknäherin geboren. Er wurde schon früh mit linkem Gedankengut vertraut: Sein Vater stand der Sozialdemokratie nahe und der erste sozialdemokratische Mössinger Gemeinderat Konrad Wagner wohnte im Haus nebenan.
1924 schloss Textor eine Malerlehre ab. Arbeit fand Jakob Textor meist nur als Wander- und Saisonarbeiter. Zwischendurch war er immer wieder arbeitslos, was ihm auch die Zeit gab, aktiv am Bau der Mössinger Turnhalle mitzuwirken.
Der leidenschaftliche Sportler war Mitglied bei den Arbeiterradfahrern und -turnern, wo er der Akrobatengruppe angehörte. Sein nachhaltigstes sportliches Erlebnis war der Besuch der Arbeiterolympiade 1925 in Frankfurt. Bekannt wurde er in Mössingen durch seine sportliche Aktion, bei er zu den Reichstagswahlen im April 1932 auf den Kamin der Pausa kletterte und eine rote Fahne mit Hammer und Sichel hisste. Keiner getraute sich, die Fahne herunterzuholen, so dass der Heizer der Pausa schließlich solange schürte bis die Fahne verbrannte.
In der Nacht zum 31. Januar 1933 malte Textor das beim Streikzug mitgeführte Transparent mit der Aufschrift „Heraus zum Massenstreik“. Jakob Textor selbst marschierte mit zwei anderen dem Demonstrationszug voran, jeder trug eine rote Fahne. Bei der der Firma Burkhardt kletterte Jakob Textor mit einigen anderen über den Fabrikzaun und schwenkte die rote Fahne vor den Fenstern, um die Beschäftigten zur Teilnahme am Streik zu motivieren. Bei der Auflösung des Streikzugs flüchtete er wie alle anderen über die Felder nahe der Bahnhofstraße. Als er feststellte, dass ihn die Polizei nicht einholen konnte, rollte er wieder seine Fahne aus und schwenkte sie provokativ. Am nächsten Tag wurde Jakob Textor verhaftet, er kam ins Gefängnis nach Rottenburg und anschließend ins Landesgerichtsgefängnis nach Ulm. Im Juli 1933 wurde er zu acht Monaten Haftstrafe verurteilt.
Nach seiner Haftentlassung beteiligte sich Jakob Textor an der Verteilung illegaler Flugblätter gegen das Naziregime. Als er 1934 dabei erwischt wurde und sich aus der Sache herausreden konnte, stellte er seine politische Arbeit vorläufig ein. Nach fünf Jahren Kriegsteilnahme kehrte er 1945 nach Mössingen zurück und nach der Wiederzulassung der Parteien wurde er Mitglied der KPD. Mit dem KPD-Verbot 1956 beendete er sein politisches Engagement und zog sich ins Privatleben zurück.

 

 

Rede Kundgebung Mössingen

2018_Rede_Moessingen

http://antifaaufbautue.blogsport.de/2018/02/05/antifa-history-remember-the-past-fight-in-the-present-1-der-moessinger-generalstreik-1933/

 

 

Multimedia Reportage zum Generalstreik Mössingen

6. Februar 2018

Mössinger Generalstreik Facebook-Teaser

Vor 85 Jahren begann das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte: Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt. Die KPD rief damals für den Folgetag landesweit zum Generalstreik auf, um die Machtergreifung der Nationalsozialisten doch noch zu verhindern. Der Aufruf blieb fast wirkungslos, die meisten Streikversuche wurden bereits im Keim erstickt. Anders war es im schwäbischen Dorf Mössingen: Die im Ort verankerten linken Organisationen und ihre Mitglieder sorgten für eine Streikaktion mit über 800 Beteiligten. Zwar gab es auch andernorts Rangeleien oder kleinere Aktionen, doch vielmehr kann der Mössinger Generalstreik vom 31.01.1933 als eine isolierte Aktion in dieser Größenordnung betrachtet werden. Der Mössinger Generalstreik stellt somit durchaus eine Besonderheit in der deutschen Geschichte dar.

Der Historiker und Autor Daniel Sternal (Ein Mythos wankt – Neue Kontroverse um den „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel) hat gemeinsam mit einem Kollegen eine Multimedia-Reportage über den Generalstreik produziert und uns zur Verfügung gestellt. In 20 Minuten können sich nun alle Interessierten in einem Zusammenschluss aus Text-, Bild-, Video-, und Audioformat multimedial über das historische Ereignis informieren, indem durch scrollen des Mausrads von Folie zu Folie gesprungen wird. Viel Freude beim Erkunden!

https://multimedia.hd-campus.tv/mossinger-generalstreik#244

https://hdcampus.ub.uni-freiburg.de/ein-dorf-gegen-hitler/

Hans Gmelin – Ehrenbürgerwürde aberkennen!

12. Dezember 2017

Hans Gmelin – Ehrenbürgerwürde aberkennen!

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), Kreisvereinigung Tübingen-Mössiingen, fordert den Gemeinderat auf, den früheren Tübinger Oberbürgermeister Hans Gmelin wegen seiner Nazivergangenheit kurzfristig aus der Liste der Ehrenbürger zu streichen.

Die Gemeinderatsfraktion Tübinger Linke (TÜL) / Die Linke hat im Gemeinderat erneut beantragt, dem früheren Tübinger Oberbürgermeister Hans Gmelin wegen seiner Nazi-Vergangenheit postum die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen:

http://www.tuebinger-linke.de/aberkennung-der-ehrenbuergerwuerde-von-hans-gmelin/#more-1279

Und auch die SPD-Gemeinderatsfraktion hat sich laut TAGBLATT vor wenigen Tagen „aufgrund der jetzt vorliegenden Erkenntnisse klar für die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde“ des Ex OB ausgesprochen.

Dabei ist Nazivergangenheit Gmelins ist schon lange bekannt. Unser Kreisvorstandsmitglied Jens Rüggeberg erforschte sie seit 1998. Bereits seit Anfang der 2000-er Jahre hat die TÜL/PDS im Gemeinderat Gmelins Vergangenheit mehrfach thematisiert und die postume Aberkennung seiner Ehrenbürgerwürde gefordert:

http://tuelpds.twoday.net/stories/695817/

Seit September 2011 (!) liegt der Stadtverwaltung ein Aufsatz von Jens Rüggeberg über Gmelin vor, der für das Buch „Vom braunen Hemd zur weißen Weste“ (Tübingen 2011) verfasst worden war, dann aber nicht das Buch aufgenommen wurde:

Aufsatz von Jens Rüggeberg: Vom Nazi-Diplomaten zum Nachkriegsoberbürgermeister: Hans Gmelin und die Vergangenheit, die nicht vergeht (Download als PDF) Gmelin Aufsatz

Inzwischen hat der Historiker Niklas Krawinkel mit einem Stipendium der Stadt Tübingen eine Dissertation über Gmelin verfasst, deren Ergebnisse im Juli 2017 im Tübinger Gemeinderat vorgestellt und Teile seiner Forschungsergebnisse veröffentlicht (Krawinkel, Niklas, Rassismus und Gemeinschaftserfahrung. Biographische Einblicke in die Juden- und Volkstumspolitik in der Slowakei 1941-1945, in: Osterloh, Jörg, und Katharina Rauschenberger [Hrsg.], Der Holocaust. Neue Studien zu Tathergängen, Reaktionen und Aufarbeitungen, Frankfurt am Main 2017 [= Jahrbuch 2017 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust des Fritz Bauer Instituts], S. 121ff.). Die Dissertation selbst soll demnächst als Buch erscheinen.

Eine weitere Verzögerung der Streichung Gmelins aus der Ehrenbürgerliste ist nicht zu akzeptieren. Und nachdem der frühere Oberbürgermeister Adolf Scheef und der Philosoph Theodor Haering wegen ihrer Nazivergangenheit bereits aus der Ehrenbürgerliste gestrichen wurden, ist auch die Ehrenbürgerwürde des früheren Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger und des Politikwissenschaftlers Theodor Eschenburg zur Disposition zu stellen.

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