Widerstand der Tübinger Arbeiterbewegung 1933

4. Dezember 2024

Station 4 „Löwen“

Das ehemalige Gasthaus „Löwen“ war seit dem Ende des 19.Jahrhunderts das Zentrum des kulturellen und politischen Lebens der Tübinger Arbeiterbewegung. Im großen Saal im 1.Stock  feierten die Arbeitervereine ihre Feste, SPD und KPD organisierten Vorträge und politische Kundgebungen.

Arbeiterkultur und Arbeitervereine in Tübingen

Neben ihrer eigenen Bildungs- und Kulturarbeit gründeten Gewerkschaften und Arbeiterparteien  auch in Tübingen Arbeiterkultur- und Sportvereine. Diese eigenständige Arbeiterkultur entfaltete sich in den 1920erJahren zu ihrer Blütezeit. Der NS-Faschismus zerstörte nicht nur die politische Arbeiterbewegung, sondern zerschlug auch deren vielfältige und eigenständige Kultur. Doch nicht nur die Organisationen wurden zerstört, auch jede Erinnerung sollte vernichtet werden. Neben der Beschlagnahme der Häuser, Sportstätten und des Vermögens der Vereine wurden auch sämtliche Dokumente, Literatur, Lieder-und Protokollbücher verbannt. Nur wenige konnte versteckt werden und blieben erhalten.

Nach 1945 konnte die Arbeiterbewegung zumindest in Westdeutschland nicht mehr an ihre frühere Traditionen anknüpfen. Neugegründet wurde der Volkschor, in dem sich Gewerkschafter, Mitglieder von KPD und SPD zusammenschlossen. In Folge des  KPD-Verbots 1956 wurde er aufgelöst. Die einzige Organisation, die wieder gegründet wurde und bis heute besteht, sind die Naturfreunde.

Die Arbeitervereine griffen neue soziale und demokratische Inhalte auf und entwickelten alternative Formen zur bürgerlichen Kultur. Arbeiter, Handwerker und Weingärtner und ihre Familien pflegten ein engagiertes und lebendiges Zusammenleben in ihren Vereinen und verbrachten dort viel gemeinsame Zeit.

Bis 1933 organisierten der Turnerbund, Arbeitergesangverein Frohsinn, der Radfahrverein Frischauf und der Proletarische Bühnen- und Bildungsklub viele Veranstaltungen und Feste im Löwen. Führende Parteigenossen waren in den Vorständen aktiv: die Kommunisten Ferdinand Zeeb beim Frohsinn, Hugo Benzinger beim Bühnen- und Bildungsklub. Unter den Sozialdemokraten Otto Koch, Gottlieb Frank und Heinrich Kost schloss sich der Turnerbund 1930  dem Arbeiterturnerbund an.

Immer wieder gab es zwar gemeinsame Veranstaltungen, aber die Spaltung der Arbeiterbewegung wirkte sich auch auf die Vereine aus. Es kam zu Abspaltungen bei den Naturfreunden, nachdem der Kommunist Baudermann Vorsitzender wurde. Sozialdemokraten traten aus beim Frohsinn aus und gründeten den Arbeitergesangverein Vorwärts. Die der KPD nahestehenden Vereine schlossen sich im Kultur- und Sportkartell zusammen. Das Kartell organisierte neben Festen auch Bildungsveranstaltungen mit oft hunderten von Menschen. Im überfüllten Löwensaal sprachen 1931 z.B. der Berliner Armenarzt und Sexualpolitiker Hodann und Friedrich Wolf zum § 218. Einen letzten Auftritt hatte der von Friedrich Wolf gegründete Spieltrupp Südwest noch im Januar 1933 mit der Revue „Von New York bis Shanghai“.

Antifaschistischer Widerstand und Zerschlagung der Arbeiterbewegung

Nach den großen Wahlerfolgen der NSDAP im Dezember 1930 und dem zunehmenden Straßenterror gegen die politischen Gegner sprachen SPD, Gewerkschaften und Turnerbund mit Ferdinand Zeeb von der KPD über die Gründung einer gemeinsamen Abwehrorganisation. Es kam aber  noch nicht zu einem gemeinsamen Vorgehen. SPD und die Gewerkschaften schlossen sich in der Eisernen Front zusammen, KPD und die ihr nahestehenden Vereine gründeten die Antifaschistische Aktion.

1932 wurde fast jede Versammlung der Linken von den Nazis gewaltsam gestört. Die Justiz war auf dem rechten Auge blind. Als ein Schlägertrupp der SA eine SPD-Veranstaltung überfallen hatte, kamen die Nazis  glimpflich davon, die Anklage wurde fallen gelassen. Als Reaktion auf den Überfall verprügelten Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterjugend einige SA-Leute in der Steinlachunterführung. Die jungen Sozialisten wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt. Rechtsanwalt Hayum hatte sich für sie eingesetzt und vor Gericht verteidigt.

Erst ab Juni 1932 kam es zu gemeinsamen Aktionen. Der bekannte sozialistische Pfarrer Eckert sprach am 21.Januar 1932 vor 1200 Menschen bei einer gemeinsamen Veranstaltung von KPD und SPD im Museum.  Drei Tage später riefen beide Parteien zu einer Massenkundgebung auf dem Turnerbundplatz in der Allee auf.

Nach der Machtübertragung an Hitler 1933 organisierten KPD und SPD am 12.Februar noch eine gemeinsame Versammlung im Löwen und am Fackelzug des Reichsbanners am selben Abend nahmen einige Hundert Menschen teil.

Bei der letzten öffentlichen Veranstaltung der organisierten Arbeiterbewegung am 27.Februar 1933 sprach Kurt Schumacher auf dem Marktplatz. Nazitrupps besetzten den Platz, schlugen Kundgebungsteilnehmer und warfen Feuerwerkskörper in die Menge. In dem entstehenden Tumult musste Schuhmacher schon nach wenigen Minuten seine Rede abbrechen und in Sicherheit gebracht werden. Ein Arbeiter aus Nehren beschrieb den Ernst der Situation: „Und als wir heimgekommen sind, da sind wir in den „Schwanen“ und da hat´s geheißen „Der Reichstag brennt!“Dann haben wir gesagt: So, das ist das Ende. Jetzt ist’s aus.“

Wenige Tage später wurden die ersten Antifaschisten verhaftet: am 10.März traf es zuerst Kommunisten und die Beteiligten an den Aktionen gegen die Machtübertragung, des Mössinger Generalstreiks. Am 25.März wurden 7 Aktive von Arbeitervereinen verhaftet.

Nach dem Verbot der Eisernen Front und des Reichsbanners am 11.3. waren die Mitglieder der SPD oder Gewerkschafter zunächst noch von den Verhaftungen ausgenommen. Doch schon am 28.März durchsuchte  die Polizei bei einer ersten Razzia das Gewerkschaftshaus Am Nonnenhaus 6. Endgültig besetzt und geschlossen wurde es dann am 2.Mai.

Nach der Besetzung des Vereinsheims des Turnerbunds in der Lindenallee schrieb die Tübinger Chronik: „Da wo man bisher eine rote Fahne wehen sah, ist jetzt das Hakenkreuz aufgezogen“.

Am 31.März wurde der Sozialdemokrat Helmut Erlanger verhaftet. Er war Assistent an der juristischen Fakultät der Universität, galt als der „geistige Kopf der SPD“ und wurde von Studenten angezeigt.

Mitte April wurden bei Razzien in den Arbeitervierteln und Dörfern Gewerkschafter und Aktive der dortigen Arbeitervereine verhaftet, 10 aus Hagelloch, 15 aus Lustnau. Sie alle wurden in das neu errichtete KZ auf dem Heuberg eingeliefert und dort z.T. schwer misshandelt. Bis zur Auflösung des sogenannten Schutzhaftlagers 1934 wurden dort 27 Tübinger inhaftiert, anschließend entweder unter strengen Auflagen entlassen oder in die KZ Oberer Kuhberg bei Ulm oder Dachau verschleppt.

Bereits wenige Wochen nach der Machtübertragung hatte die NSDAP ihr Terrorregime so weit etabliert, dass öffentlicher und organisierter Widerstand nicht mehr möglich war. Die Funktionäre der Arbeiterparteien waren verhaftet, die Mitglieder der Arbeitervereine konnten sich nur noch bei Wanderungen oder im Gartenhaus des Naturfreunds Ernst Schittenhelm treffen. Aktive des Buchdruckerverbands organisierten noch einen Ausflug zum Grab von Friedrich Ebert in Heidelberg und sorgten so dafür, dass die Vereinskasse leer war, bevor sie von den Nazis beschlagnahmt wurde.

Aus der übrigen Bevölkerung, aus dem bürgerlichen und universitären Tübingen erhob sich keine Kritik. Im Gegenteil: Der Oberstudiendirektor des Gymnasiums feierte die neue Zeit als „wunderbare Auferstehung des deutschen Volkes“.

In Polizeiberichten wird auch immer wieder über Denunziation berichtet, wenn im Zusammenhang mit Verhaftungen erwähnt wird: „Laut Mitteilung aus der Bevölkerung…“

In den Gewerkschaften bzw. in deren Führung waren bis zum Mai 1933 immer noch Illusionen verbreitet. Sie riefen mit auf zum Tag der Nationalen Arbeit am 1.Mai, ebenso wie die Kirchen und auch die Tübinger Juden, die diesen Tag mit Gottesdiensten feierten. 4 000 Menschen zogen beim Festumzug durch Tübingen. Am nächsten Tag folgte der endgültige und vernichtende Schlag gegen die Gewerkschaften mit der Stürmung und Beschlagnahmung der Gewerkschaftshäuser.

 Nicht nur politischer Widerstand, jeder Ausdruck von Kritik oder Ärger über Maßnahmen der NSDAP wurde zur Schädigung für das Wohl des Reiches und der Regierung erklärt. Dokumentiert sind Verhaftungen wegen des Singens eines kommunistischen Textes auf die Melodie des Horst-Wessel-Liedes, oder weil ein junger Mann im in der Gaststätte „Bären“ den Reichskanzler beleidigt hatte. Die Kommunistin Mina Benzinger wurde zu 14 Tagen Haft verurteilt, weil sie „in böswilliger und verächtlicher Weise“ an den Maßnahmen der NS-Regierung Kritik geübt hatte.

Auch wenn organisierter Widerstand nicht mehr möglich war, so leisteten viele der in den Arbeitervereinen Organisierten weiterhin passiven Widerstand und schlossen sich keinen NS-Vereinen an. Sie gingen nicht zu Kundgebungen und auch nicht mehr in Wirtschaften, um Denunziationen und Provokationen zu vermeiden.

Wie sehr das Klima in der Stadt schon durch Terror und Denunziation von allen Gegnern der NSDAP geprägt war, zeigt das tragische Schicksal des Germanisten und Dichters Eugen Gottlob Winkler. Ein 10jähriges Kind bezichtigte ihn, ein Wahlplakat in der Bahnhofsunterführung beschädigt zu haben. Er wurde verhaftet und es kam zum Prozess. Erst nach der 2.Verhandlung wurde er freigesprochen und aus der Haft entlassen, weil ein Zeuge ausgesagt hatte, dass er Kinder beim Abreißen von Plakaten gesehen hatte. Winkler erlitt einen Nervenzusammenbruch. Als er Jahre später in München bei einem Spaziergang von einem Polizisten nach seinen Personalien gefragt wurde, geriet er in Panik und verübte Suizid.

Widerstand in den Arbeiterdörfern

Im Vergleich zu den Industriestädten wie z.B. Reutlingen und Stuttgart war die organisierte Arbeiterbewegung in Tübingen relativ klein, deshalb war die Anzahl der Verhafteten auch relativ gering. Aber vergleichsweise viele  Verhaftungen sind aus den Arbeiterdörfern Hagelloch und Lustnau bekannt, die 1937 nach Tübingen eingemeindet wurden.

Lustnau war eine Hochburg des Arbeitersports. Die Aktivitäten und Veranstaltungen der Freien Turnerschaft mit dem Spielmannszug und dem Gesangsvereins Frohsinn prägten das dörfliche Leben. Mitglieder der Turnerschaft nahmen 1925 an der Arbeiter-Olympiade in Frankfurt erfolgreich teil und immer wieder an landesweiten Arbeiterturnfesten.

Noch nach dem Verbot trafen sich die Mitglieder des Spielmannszug am 12.3.33 zu einer Probe. Aufgrund von Denunziation wurde sie von der Polizei aufgelöst und alle Instrumente beschlagnahmt.

Das rote Lustnau konnte lange verhindern, dass die Nazis im Ort Einfluss gewannen und eine Ortsgruppe gründen konnten. SPD und KPD traten gemeinsam auf. Ein Zeitzeuge berichtete: „In Lustnau waren wir wie ein Herz und eine Seele, da haben wir nie Malheur gehabt mit den Spaltungen“. .. Sobald die Nazis zu einer öffentlichen Veranstaltung  ansetzen, sind auch die Lustnauer Arbeiter zur Stelle und protestieren mit Kampfliedern, Pfiffen und Buhrufen“. Bis 1931 gab es keinen öffentlichen Auftritt der NSDAP in Lustnau. Im Februar 1931 wollte sie eine öffentliche Veranstaltung im Ochsensaal abhalten. Turnverein und Reichsbanner mieteten den danebenliegenden Saal für eine „Familienfeier mit Musik“. Beide Versammlungen wurden verboten. Die Arbeiter versammelten sich vor der Wirtschaft, um einen Aufmarsch der NSDAP zu verhindern. Landjägern marschierten auf und lösten beide Versammlungen auf. Erst Mitte 1932 konnte die NSDAP eine Ortsgruppe in Lustnau gründen. Noch 1934 warnte der ehemaligen Pfarrer von Lustnau, der inzwischen NSDAP-Ortsgruppenleiter war, „die Nörgler, Miesmacher und Saboteure, einen gewissen Teil der Lustnauer Bevölkerung dort weiterzumachen, wo sie damals aufgehört haben“. Bis zu den Märzwahlen 1933 stimmten die Lustnauer immer noch mehrheitlich gegen die NSDAP. Während diese in Tübingen 56% der Stimmen erhielt, wurde sie von der Mehrheit der Lustnauer mit nur 38% deutlich abgelehnt, in Hagelloch stimmten sogar nur 29% für die NSDAP.

Gisela Kehrer-Bleicher

Weiterführende Literatur:

Autorengruppe Bernd Jürgen Warneken u.a.: Arbeitertübingen, Hrsg. DGB Tübingen Schwäbische Verlagsgesellschaft 1980

Günther Herre, Gerhard Nagel (Hrsg.): Lustnauer Heimatbuch, Gulde Druck 2008